Sie war schon nicht mehr ganz so nervös wie beim ersten Mal. Zumindest hatte sie an Sicherheit und Zuversicht gewonnen. Gründliche Recherche und gute Vorbereitung hatten sich beim letzten Mal ausgezahlt, warum sollte es dieses Mal anders sein.
Natürlich konnte immer etwas schief gehen. Vielleicht würde er ihre Avancen ignorieren, auch wenn sie sich das kaum vorstellen konnte. Sie kicherte vergnügt. Männer sind so berechenbar. Aber es gab tausend andere Kleinigkeiten, die gegen ihren Plan laufen konnten - trotz des peniblen Studiums seiner Gewohnheiten während der letzten Wochen.
Sie rollte behutsam die zarten, halterlosen Strümpfe hoch und strich sich das enge Kleid über den Hüften glatt. Alles würde genau so funktionieren, wie sie es geplant hatte. Sie mußte sich nur genau auf ihren Plan konzentrieren. Und sie würde es genießen. Noch mehr als beim ersten Mal.
Ein letzter Check. Aus dem Spiegel blickte ihr der perfekte Vamp entgegen, ein feuchter Traum aus Fleisch und Blut. Ihre blauen Augen hatte sie mit farbigen Kontaktlinsen verdunkelt, passend zum rauchig-dunklen Make-up. Die Haare hatte sie mit viel Liebe zum Detail kunstvoll verwuschelt, bis sie endlich unfrisiert wirkten. Eine Bettfrisur.
Dazu volle, blutrote Lippen, von denen Verführung perlte. Eigentlich schon zu perfekt, um wahr zu sein. Aber genaugenommen war auch nicht sehr viel echt an ihr. Sie war ihre eigene Schöpfung, die Verwirklichung eines langgehegten Traums, ihres Plans. Und sie hatte viele, viele Jahre darauf hingearbeitet.
Sie kontrollierte den Inhalt ihrer Handtasche und griff dann nach ihrem Cape. Dieses Mal würde sie kaum Utensilien benötigen. Sie zog die schwarzen Handschuhe über und genoß das Gefühl des butterweichen Leders auf ihrer Haut. Ein allerletzter Blick in den Spiegel, und dann zog sie leise die Tür ihres Hotelzimmers hinter sich zu.
Das Mudia war bereits gut besucht, als sie gegen 23 Uhr dort eintraf. Die verrauchte Luft machte es nicht unbedingt einfacher, jemanden zu finden. Aber sie hatte Zeit. Und sie machte sich keine Sorgen. Er würde kommen. Er war der klassische Partylöwe und dieser Club sein zweites Wohnzimmer. Vor allem, wenn seine Frau nicht zuhause war.
Sie ging langsam zur Bar, musterte die übrigen Gäste abschätzend und bestellte den ersten Whiskey des Abends. Sie hatte gerade erst daran genippt, als sie ihn in der Menge erspähte. Er trug teure Designer-Jeans, ein sicher nicht minder teures Hemd und eine dieser Lederjacken, die Menschen zu Coolness verhelfen sollen.
Während er sich seinen Weg zur Bar bahnte, nickte er beiläufig nach rechts und links, umarmte einen nicht weniger lässigen Typen und tätschelte mindestens drei Frauen den Hintern. Der Narziß in Aktion. Das Abziehbild eines echten Kotzbrockens.
Sie blieb betont gelassen und spielte mit ihren langen, dunkelroten Fingernägeln an ihrem Glas herum. Er war da, und er würde auch zu ihr finden. Er konnte schon früher gewissen Klischees nicht widerstehen.
Es dauerte auch nicht lange, bis er sich zur Kontaktaufnahme heranpirschte. "Wow, alle Achtung. Das perfekte Outfit für den heutigen Abend." Sie schenkte ihm ein erstes Lächeln. "Findest du?" - "Aber natürlich. Du bist definitiv die umwerfendste Frau des Abends ... Entschuldige, ich hab mich noch gar nicht vorgestellt. Ich heiße Stephan."
"Angenehm, Vanessa." - "Darf ich dir noch etwas zu trinken bestellen, Vanessa?" - "Danke, ich hab noch. Aber wenn du vielleicht was zu rauchen hättest. Ich muß meine Gauloises im Taxi liegengelassen haben."
Natürlich hatte er. Und er ließ es sich nicht nehmen, sein Zippo schnappen zu lassen und ihr Feuer zu geben. Die nächsten zwei Stunden verliefen entsprechend. Sie tänzelten umeinander herum. Kein eleganter Tanz, aus dem sich alles und nichts ergeben kann, sondern ein Balzritual mit festem Ausgang.
Sein allzu offensichtliches Verhalten widerte sie als Frau an, aber die eiskalte Strategin in ihr war hocherfreut darüber. Er agierte genau nach ihrem unsichtbaren Skript. Sie ließ ihn wie eine Marionette tanzen, während er sich in seinem vermeintlichen Erfolg sonnte.
Es konnte gar nicht besser laufen. Und die Frau in ihr, die war ohnehin noch nicht fertig. Sie würde erst völlig aus ihrem Kokon schlüpfen, sobald sie ihren Plan zuende geführt hatte. Im Moment zählte also nichts als der Plan. Und so gab sie ihm das Gefühl, die Frau seiner Träume zu sein. Heiß, aber doch weich und verführbar.
"Mir wird es allmählich zu voll und zu laut hier. Wollen wir unsere Unterhaltung nicht lieber an einem ruhigeren Ort weiterführen?" Er blickte sie mit kaum verborgener Gier an.
"Ich dachte schon, du würdest nie fragen", lachte sie. "An was hattest du denn da gedacht? Gibt es hier eine ruhigere Bar? Oder hattest du anderes im Sinn?" Ihre roten Fingernägel glitten langsam über sein Knie.
"Ich bin ja sonst nicht so direkt. Aber wie wäre es, wenn wir zu mir fahren würden. Ich wohne nicht weit von hier, die Musik ist leise und die Drinks sind verdammt gut. Ich verspreche auch, mich zu benehmen."
"Da bin ich mir sicher", flüsterte sie ihm ins Ohr. "Und zuhause wartet wirklich niemand auf dich? Keine Frau, keine Freundin, kein kleiner Sohn? Keine peinlichen Überraschungen?"
"Nein, nein, keine Sorge. Männer wie ich sind nicht zum Heiraten gemacht. Genausowenig wie Frauen deines Typs." Wieder dieses kurze Aufflackern inneren Widerwillens. Natürlich war er verheiratet. Man konnte sogar noch den schmalen weißen Streifen sehen, den sein Ehering auf seinem gebräunten Finger hinterlassen hatte. Unglaublich, wie einfach es sich Männer immer wieder machten.
Gleichzeitig aber war auch die letzte wirkliche Hürde ihres perfekten Plans genommen. Er hatte sie in seine Wohnung eingeladen. Seine Zweitwohnung, um genau zu sein. Ein Unterschlupf, von dem seine Frau natürlich nichts wußte, über den sie selbst aber in den letzten Wochen dank mühevoller Recherche und nächtelanger Beobachtungen alles herausgefunden hatte.
In diese Wohnung brachte er stets die Frauen, die er in Clubs und Bars für die Dauer einer Nacht in seinen Bann ziehen konnte. Hierhin zog er sich zurück, um in Ruhe seine Frau zu betrügen. Genau dafür waren die zwei Zimmer unterm Dach auch wie geschaffen.
Das Haus stand in einer billigen, ziemlich heruntergekommenen Gegend, in der man ihn, den stilvoll-lässigen Lebemann, niemals vermutet hätte. Die Etage unter ihm war schon seit längerer Zeit unbewohnt. Aber auch sonst interessierte sich hier niemand für das, was der jeweilige Nachbar tat. Man nahm sich allenfalls im Hausflur zur Kenntnis, übersah sich aber bereits auf der Straße geflissentlich.
Niemand würde sie hier mitten in der Nacht genau registrieren. Von einer späteren Personenbeschreibung ganz zu schweigen. Völlig ungestört würden sie außerdem sein. Niemand würde sie hören.
Er gab dem Taxi-Fahrer ein großzügiges Trinkgeld und half ihr aus dem Wagen. Während er sie zum Haus und durch die Tür führte, streifte seine Hand immer wieder flüchtig ihren Hintern.
Doch schon unten im Hausflur übernahm sie die Initiative, drückte ihn gegen die Wand, fuhr mit ihrem Schuh an seiner Wade entlang und küßte ihn, lang und hart. Schwer atmend stiegen sie beide die leicht nach Abfall und Urin stinkende Treppe zum Dachgeschoß hinauf. Es war absolut still im Haus, niemand begegnete ihnen. Perfekt.
Sie ließ sich von ihm noch einen Whiskey reichen, stieß ihn dann aber sofort aufs Bett. Ihre Fingernägel schienen überall zugleich auf seinem Körper zu sein. Streichelten und lockten, um dann im nächsten Moment eine tiefe, rote Spur auf ihm zu hinterlassen. Seinen leise protestierenden Mund verschloß sie mit ihren Lippen und lenkte seine Aufmerksamkeit sanft auf andere Körperteile.
"Bleib liegen", flüsterte sie und stand auf. Sie machte das Licht aus und begann im Schein der Kerzen langsam zu strippen. Nicht umsonst hatte sie ihr Outfit für den heutigen Abend größtenteils in einer kleinen Boutique auf der Reeperbahn erstanden, in der sich ansonsten hauptsächlich Stripperinnen einkleideten. Alles für den perfekten Plan.
Als sie nackt vor ihm stand, wollte er sie zu sich heranziehen. Doch sie schüttelte den Kopf und fesselte ihn langsam an den Metallrahmen des Bettes. Mit ihren halterlosen Strümpfen band sie seine Knöchel fest und benutzte dann ihren BH und seine Krawatte, um auch die Arme zu fixieren.
Er protestierte schwach, doch es war nur allzu deutlich, wie sehr ihm der ungewohnte Rollentausch gefiel. Sie ließ ihre Lippen über seinen Körper wandern. Schließlich glitt sie auf ihn und fickte ihn. Nach allen Regeln der Kunst. Besser, als er es sich je hätte vorstellen können.
Er kam mit einem lauten Schrei und fürchtete, vor Erschöpfung ohnmächtig zu werden. Sie ließ sich neben ihn fallen und griff nach ihren Zigaretten. Als sie zu rauchen begann, regte er sich.
"Wow ... Komm Süße, mach mich los und gib mir auch eine." Sie schüttelte den Kopf und inhalierte gierig. Jetzt kam der wirklich schöne Teil des Abends. "Nein, wir sind noch nicht ganz fertig. Nach der zweiten Runde."
"Zweite Runde? Bist du übergeschnappt? Ich bin völlig fertig. Los, gib mir eine Zigarette und gönn mir etwas Ruhe."
"Keine Sorge, mein Schatz, Ruhe wirst du noch genug bekommen. Aber erst hab ich noch eine klitzekleine Überraschung für dich." Sie steckte ihm die halbe Zigarette in den Mund, rollte vom Bett und angelte vier Paar silbrig glänzende Handschellen aus ihrer Tasche.
"Was soll der Scheiß denn jetzt? Laß das sein und mach mich sofort los. Die Nummer mit den Strümpfen war ja noch ganz nett. Ja, zugegeben sogar ziemlich scharf. Aber das hier, das ist jetzt wirklich krank. Auf so was steh ich nicht."
"Sei nicht so undankbar. Das sind echte Smith-and-Wesson. Nahezu unkaputtbar und verdammt schwer obendrein. Ich hab sie den ganzen Abend nur für dich mit mir rumgeschleppt." Sie lachte amüsiert und ließ eine Handschelle nach der anderen um seine Gelenke und dann um das Bettgestell einrasten.
"So, das dürfte besser halten als die Strümpfe. Und das ist sehr wichtig für den nächsten Teil. Für meine kleine Überraschung, das eigentliche Highlight des Abends."
"Du bist ja total irre. Völlig bekloppt. Mach mich los, Schlampe. Ich schwör dir, ich prügel dich grün und blau." - "Klar. Vielleicht später. Aber erst mußt du erraten, wer ich bin."
"Was soll das denn heißen? Du bist Vanessa, hast du selbst gesagt. Und total übergeschnappt obendrein. Also laß die Scheiße und mach mich los, Baby." Sie gönnte sich ein kleines Lächeln. "Nein, Vanessa ist nur ein beliebiger Name für eine Nacht. Du hast noch zwei Versuche."
"Verdammte Scheiße. Meine Frau hat dich geschickt. Du kommst von irgend so einer bekloppten Detektei, von der man immer wieder mal was im Fernsehen sieht. Und der Scheidungsanwalt wartet auch schon."
Sie setzte sich auf seinen Bauch und kraulte gelassen sein Brusthaar. "Nein, deine arme Frau hat mit dieser Sache rein gar nichts zu tun. Einen letzten Versuch hast du noch. Fällt dir denn nichts an mir auf?"
"Du hast Kunsttitten, aber das ist heutzutage nicht ungewöhnlich. Und jetzt hab ich die Schnauze voll von deinen albernen Spielchen. Mach mich sofort los oder ich schrei das gesamte Haus zusammen."
"Das wirst du eh noch früh genug tun, auch wenn es nichts nützt. Aber da ich ein netter Mensch bin, gebe ich dir einen Hinweis. So kommst du bestimmt drauf." Mit diesen Worten griff sie den Mittelfinger seiner rechten Hand und bog ihn so weit nach hinten, bis sie es deutlich knacken hörte. Sekundenbruchteile später kam der erste Schrei.
"Und? Weißt du jetzt wer ich bin?" - "Scheiße, scheiße, scheiße. Du bist ja völlig bekloppt. Du hast mir bestimmt den Finger gebrochen, verdammte Nutte." - "Das will ich doch hoffen. Schließlich sollte das ein wertvoller Hinweis sein. Und mit ein wenig Nachdenken könntest du dir viel Leid ersparen. Vielleicht sogar den einen oder anderen Finger retten."
Allmählich schien er den Ernst der Lage zu begreifen. Er verlegte sich vom Fluchen und Drohen aufs Flehen. Aber auch das ließ sie völlig ungerührt. Es lief alles genau nach Plan.
Sie brach ihm den Mittelfinger der linken Hand. Dieses Mal jedoch drehte sie ihn so weit um seine eigene Achse, bis sie erneut das satte Knacken und den anschließenden Schrei hörte. Wie gut, daß seine Wohnung so abgelegen war und sich in dieser Gegen ohnehin niemand großartig um die Probleme des anderen kümmerte. Trotzdem hielt sie ihm beim nächsten Finger vorsorglich den Mund mit der anderen Hand zu.
Mit jedem weiteren Finger, den sie ihm brach, trieb sie ihm wieder ein Stück Widerstandskraft und Würde aus. Nach dem sechsten Finger unternahm er einen letzten Versuch, sie mit wüsten Drohungen und einem Schwall an Beschimpfungen einzuschüchtern. Noch immer hatte er aber nicht die leiseste Ahnung, mit wem er es eigentlich zu tun hatte.
Es war alles fast wie beim ersten Mal. Und so beschloß sie, etwas Neues auszuprobieren. Es war zwar auch so ziemlich befriedigend, aber eine kleine Variation einzuführen wäre sicherlich interessant.
Den siebten Finger quetschte sie so lange zwischen ihren Absatz und den metallenen Bettpfosten, bis auch er schließlich brach. Die übrigen Finger waren erschreckend schnell angeschwollen. Seine sonst so gepflegten Hände boten inzwischen einen grotesken Anblick.
Für die letzten drei Finger hatte sie sich etwas ganz Spezielles ausgedacht, sich dazu von alten Filmen inspirieren lassen. Sie holte aus ihrer Handtasche eine Geflügelschere mit Hirschhorngriffen. Ein ganz besonders edles und bislang völlig ungenutztes Teil, das ihre Mutter zur Aussteuer beigefügt hatte. Eine Verwendung für die Aussteuer hatte sie bislang zwar nicht, aber das eine oder andere Teil kam ihr doch sehr gelegen.
Sie zögerte einen winzigen Moment, als sie seine tränenverquollenen, angsterfüllten Augen sah. Dann aber erinnerte sie sich an ihren Plan und schritt zur Tat. Die Finger acht, neun und zehn wurden kurz unterhalb des zweiten Gelenks mit der Geflügelschere abgetrennt.
Das erforderte mehr Kraft als sie erwartet hätte und war obendrein eine ziemlich blutige Angelegenheit. Ihr Opfer war mittlerweile, ebenso wie sie selbst, an allen möglichen Stellen mit Blut besudelt. Sein Schreien hatte nur noch wenig Menschliches.
Ansonsten war er, plangemäß, zu einem blubbernden, winselnden, panischen Häufchen Nichts geschrumpft. Seine Welt hatte für ihn aufgehört zu existieren. Hier und jetzt gab es nur noch sie und ihn. Es war Zeit für die nächste und letzte Stufe ihres Plans. Die Offenbarung.
"Na gut, du gibst also immer noch den Ahnungslosen. Dann werd ich deiner Erinnerung wohl noch etwas direkter auf die Sprünge helfen müssen." Ungerührt hielt sie ihm ihren rechten Mittelfinger vor sein Gesicht. Er winselte voller Angst und starrte den etwas schiefen, leicht versteiften Finger verständnislos an.
"Na? Immer noch nichts? Dann denk mal weit zurück. An alte Schulzeiten, so mit 16 und 17 Jahren. Und denk auch an deine Freunde, an eure legendäre Fünfer-Clique." - "Das, das kann nicht sein. Was soll das?" Langsam dämmerte es ihm. "Jenny? Aber wieso ... Du kannst unmöglich Jenny sein. Jenny sah völlig anders aus. Sie war völlig anders. Sie war ..."
"Genau," unterbrach sie ihn, "Jenny war das dicke, häßliche Entlein. Die dumme Kuh, der Klassentrottel. Ein unscheinbares, aber völlig harmloses Geschöpf. Kaum beachtet, bis ihr sie durch eure grausamen Scherze zur Zielscheibe des allgemeinen Spotts gemacht habt." Die letzten Worte zischte sie förmlich. Kleine Tröpfchen ihres Speichels landeten auf seinem Gesicht.
"Du hast ihr sogar einmal im Sportunterricht den Finger gebrochen. Du hast absichtlich mit voller Kraft auf ihre Hand getreten, als sie am Boden lag. Aus Rache dafür, daß du sie in dein Team nehmen mußtest und sie ungeschickt den Ball fallen ließ. Da, sieh ihn dir an. Der Finger ist nie wieder richtig geheilt." Erschöpft hielt sie inne. Rote Flecken hatten sich an ihrem Hals gebildet.
Nach einem Moment fuhr sie ruhiger fort: "Aber Jenny ist jetzt Vergangenheit. Sie ist in den letzten zehn Jahren systematisch ausgelöscht worden. Viel Arbeit, viel Schmerz. Aber heute erinnert kaum noch etwas an sie. Nur ihr fünf. Ihr haltet noch die Erinnerung an die Qualen und Demütigungen dieser schrecklichen Zeit wach."
"Aber wir haben uns doch auch verändert. Keiner von uns denkt heute mehr an die Schulzeit zurück. Na gut, wir haben uns scheußlich verhalten. Das tut mir leid, sehr leid. Aber mein Gott, wir waren doch alle noch Kinder."
"Das ist mir egal. Solange ihr am Leben seid, bleibt die Erinnerung an Jenny wach. Ihr haltet sie mir eurer Existenz gefangen. Und mit jedem von euch, der geht, wird auch ein Stück Jenny gehen. Bis sie schließlich ganz verschwunden ist. Erst dann wird sich meine neue Schöpfung vollständig entpuppen können. Erst dann kann Vanessa wirklich frei leben können."
Dann stand sie auf und ging ins Bad. Er hörte Wasser rauschen, während er verzweifelt versuchte, sich aus den Fesseln zu befreien. Wenn er wenigstens an sein Handy kommen könnte. Das alles konnte sie unmöglich ernst gemeint haben. Er wollte nicht sterben.
Als sie zurückkam, war sie von allen Blutspuren befreit. Sie hatte ein Handtuch mitgebracht und begann nun wortlos, alle Gegenstände, die sie berührt hatte, gründlich abzuwischen.
Er versuchte, weiter mit ihr zu reden. Er flehte sie an, bettelte, versprach ihr größere Geldsummen, machte ihr Komplimente. Aber sie schien ihn gar nicht weiter zu bemerken. Sie hatte auch den Bettrahmen und die Handschellen abgewischt, ihn ansonsten aber nicht weiter berührt. Schließlich zog sie sich wieder an und sammelte ihre restlichen Sachen zusammen.
Als sie Anstalten machte zu gehen, unternahm er einen letzten Versuch. "Bitte, geh nicht. Du kannst mich doch hier nicht so zurücklassen. Glaub mir, wir können das bestimmt auch anders regeln. Es tut mir doch alles so schrecklich leid."
Sie drehte sich zu ihm um und sah ihn an. Sie wirkte gedankenverloren, fast ein wenig entrückt. "Das geht leider nicht. Weißt du, es war so unglaublich befreiend, als Tom starb. Er war der erste und nun bist du an der Reihe. Ihr werdet alle gehen müssen, damit ich endlich leben kann."
Nach einer kleinen Pause fuhr sie fort. "Und ich weiß, daß deine Frau mit ihrer Freundin auf Madeira ist. Dich wird also so schnell niemand vermissen. In deiner Firma hat man sich schließlich schon an die kleinen, unangekündigten Ausflüge gewöhnt. Und zum Glück hast du ja auch diese Wohnung gut ausgewählt und sehr geschickt geheim gehalten."
Sie warf einen letzten Blick auf seinen nackten, angeketteten Körper, auf die deformierten Hände und sein verzerrtes Gesicht. Dann drehte sie sich um und ging zur Tür. Sein tränenersticktes "Jenny ... Vanessa ... bitte ..." war das Letzte, was sie noch hörte, bevor die Tür endgültig hinter ihr ins Schloß fiel.
