Marc hat eine Station seines Referendariats in New York absolviert und natürlich bin ich damals rübergeflogen, um ihn zu besuchen. Er wohnte für Unsummen in einem winzigen, fensterlosen Zimmerchen zur Untermiete in einem ansonsten sehr netten Appartement in der 28th Street.
Das Appartement befand sich im fünften Stock eines dieser schmalen, hohen Häuser, die aussehen wie das knappe Postskriptum eines gedankenverlorenen Architekten. Aufgrund dieser schmalen Form gab es auf jeder Etage nur genau ein Appartement. Man konnte sich also einen allgemeinen Hausflur sparen, was allerdings bedeutete, daß man mit dem Fahrstuhl direkt in der jeweiligen Wohnung landete.
Die Bewohner hatten daher auch keinen herkömmlichen Wohnungsschlüssel, sondern einen für das kleine Schloß, das sich im Fahrstuhl neben dem Knopf für die entsprechende Etage befand. Nur wenn der Schlüssel in dem Schloß steckte, ließ sich der Knopf für den fünften Stock drücken. Wenn der Fahrstuhl dann dort hielt, öffneten sich seine Türen direkt in den schmalen Flur des Appartements. Ein Schritt aus dem Fahrstuhl heraus und man stand schon vor der Mauer des engen Flurs, was umgekehrt hieß, daß man sich beim Warten auf den Fahrstuhl fast die Nase an der Tür platt drückte.
Was auf den ersten Blick wie eine ganz sinnvolle Idee zur größtmöglichen Ausnutzung von Wohnraum scheint, taugt in meinen Augen allenfalls als Eröffnungssequenz für einen Horrorfilm. Denn wenn man oben im schmalen Flur stand und den Fahrstuhl per Knopfdruck hochfahren ließ, konnte man durchaus das Pech haben, daß just in der Sekunde unten jemand den Fahrstuhl betrat.
Dieser Jemand hatte dann aber keine Chance noch einen anderen Knopf zu drücken, sondern wurde unweigerlich als blinder Passagier in das Appartement gefahren. Sobald sich dann die Fahrstuhltür öffnete, standen sich zwei wildfremde Menschen auf engstem Raum gegenüber. Und wir reden hier nicht von zufälligen Begegnungen in einer niedersächsischen Kleinstadt. Deshalb fühlte ich mich in der U-Bahn von New York wesentlich wohler als beim Verlassen des Appartements.
Und solche Zufallsbegegnungen waren gar nicht selten, denn Marc hatte leider vergessen zu erwähnen, daß zwei Frauen in dem Appartement unter uns ein florierendes kleines Bordell betrieben (was bei meinem Glück auch nicht anders zu erwarten war). Kaum wollte ich die Wohnung zum ersten Mal allein verlassen, Marc war längst im Büro, stand auf Knopfdruck ein Herr mittleren Alters und mittleren Umfangs im Flur.
Er musterte mich kurz, lockerte die Krawatte und begrüßte mich mit: "Well, that's a nice surprise. I thought you'd be older." Ich fühlte mich in dem Moment definitiv zu alt für solche Überraschungen und konnte seine Freude leider nicht teilen. Die Konversation gestaltete sich zunehmend absurder, bis ich verstand, was er von mir erwartete und er kapierte, daß ich tatsächlich im Begriff war meinen Mantel anzuziehen, um die Wohnung zu verlassen und nicht etwa die Kleidung auszuziehen, um ihm Erleichterung zwischen zwei Meetings zu verschaffen.
Nach etwa drei Begegnungen dieser Art sagte ich beim Öffnen des Fahrstuhls schon ganz automatisch: "Oh, you're probably looking for LaVerne. You need to go down with me." Woraufhin der unscheinbare Mann meist erschrocken zurückwich und betreten auf den Fußboden blickte. Leider hab ich LaVerne nie persönlich kennengelernt, aber vielleicht kann ich sie trotzdem als Referenz angeben, falls ich mich in Notzeiten mal um einen Job als Bordell-Rezeptionistin bemühen muß.
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