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2004-04-14 - 18:39 - Allein unter Grazien

Ich hatte völlig vergessen, daß kleine Frauen der Tod einer jeden großen Frau sind. Zumindest drückte es eine sehr große Freundin mal so aus. Und da ist wirklich etwas dran, auch wenn sie mit ihrer Formulierung vielleicht ein klitzekleines bißchen übertrieben haben mag. Besonders schmerzhaft wird der Tod übrigens dann, wenn die kleine Frau auch noch sehr zart ist.

Dann hat man als große Frau mit nur mäßig ausgeprägtem Selbstbewußtsein sofort verloren. Man fühlt sich automatisch in alte Schulhofzeiten zurückversetzt, als Gespräche in Freundinnen-Kleingruppen meist eine Ebene tiefer stattfanden, so ungefähr in Brusthöhe. Was die fürchterlich schlechte Haltung vieler großer Menschen erklärt, denn entweder beugte man sich herunter und legte den Kopf schief, oder man bekam von der Konversation eben nur zufällige, vom Wind hochgewehte Satzfetzen mit.

Außerdem fühlt man sich neben einer zarten, kleinen Frau unweigerlich wie ein unförmiges, lächerliches Trampeltier. Da hilft auch die aristokratischste Körperhaltung wenig. Plötzlich scheint einfach alles am eigenen Körper zu groß geraten und man tritt verlegen von einem Größe-42-Fuß auf den anderen, während das zartgliedrige Geschöpf neben einem auf seinen zierlichen Füßchen durch die Welt zu schweben scheint.

Dieses Gefühl verstärkt sich noch sobald Männer anwesend sind, die angesichts einer zierlichen Schönheit bereitwillig den Verstand verlieren. Vermutlich können sie nichts dazu. Kleine Frauen wecken einfach den Beschützerinstinkt in ihnen und können auch den unhöflichsten Grumpfkopf binnen weniger Minuten in ein Muster an Ritterlichkeit verwandeln. Aber manchmal, nur ganz gelegentlich würden eben auch große Frauen, die völlig problemlos selbst an das obere Regal kommen, gerne vorübergehend beschützt oder gerettet werden.

Mir sind natürlich auch die Nachteile dieser engelsgleichen Zierlichkeit bewußt. Man muß immer noch etwas mehr tun, um sich zu behaupten, weil man gerne zuerst für ein niedliches Häschen gehalten wird. Und man wird viel eher auch mal auf der Straße dumm angemacht, denn nur sturzbetrunkene Idioten oder Geisteskranke grabschen große Frauen an, die zumindest so aussehen, als könnten sie als Antwort auf die Anmache problemlos Extremitäten brechen. Aber meinem Selbstbewußtsein hilft das in Gegenwart einer kleinen Frau und zehn Männern mit feuchten Augen auch nicht weiter.

Genauso wenig wie beim Shopping mit kleinen Frauen, die auch hier selbstverständlich allerhand eigene Probleme anführen können. Alles ist zu lang (ha, große Frauen wären dankbar für den überflüssigen Stoff, den ihr einfach abschneiden könnt) oder zu sackartig, sofern man nicht gewillt ist ausschließlich in der Kinderabteilung einzukaufen. Aber dieses recht theoretische Wissen um die Härten des kleinen Lebens hilft mir eben nicht, wenn ich in einem Laden keine Hosen mit mindestens einer 34-Länge finde und jedes Oberteil so aussieht, als sei es angeschafft worden, damit ich meine knochigen Handgelenke ungehindert im Spülwasser versenken kann.

Daher mußte mein gestriger Einkaufsbummel fast zwangsläufig in einem Desaster enden, denn diese trendige Boutique, in der meine zarte Begleitung von einem unglaublichen Outfit ins nächste schlüpfte, hatte ganz offensichtlich beschlossen, alles über Größe Mini-M als untragbar zu klassifizieren und daher aus dem Sortiment zu nehmen. Also blieb mir nichts anderes übrig, als mich zwischen den Kleiderständern möglichst klein zu machen (vergeblich) und aus der Deckung meine Beratung anzubieten.

Damit hätte ich auch noch gut leben können, hätte nicht ausgerechnet an diesem Nachmittag eine weitere sehr zierliche Frau beschlossen, in eben diesem kleinen Laden einkaufen zu gehen. Plötzlich standen sie nämlich zu zweit da vor dem Spiegel. Die eine mit schwarzen Haaren und heller Haut im Schneewittchenlook, die andere mit wilden Locken und milchkaffeefarbener Haut - und beide mindestens 20 Zentimeter kleiner und gefühlte 50 Kilo leichter als Leuchtturm-Lyssa hinter den Kleiderständern. Wie gut, daß außer dem schwulen Verkäufer keine Männer anwesend waren, vor allem keine mit Herzfehlern.

Ich gebe zu, daß die Milchkaffeefrau nicht besonders glücklich aussah, als sie aus der Kabine kam und vergeblich versuchte, nicht auf die überlangen Hosenbeine der XS-Hose zu treten: "Das geht nicht. Damit sehe ich aus wie eine Fünfjährige, die grad vom Spielplatz kommt." Aber das konnte mein Selbstbewußtsein an diesem Tag auch nicht mehr retten. Ich sah schließlich schon mit fünf aus wie eine Siebenjährige, die ihre Zeit lieber mit Klugscheißen als an der frischen Luft verbringt.

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