Ich hatte bereits Anfang Dezember über den stetigen Verfall meines winzigen Badezimmers berichtet und dabei dank kleinerer Restbestände jugendlicher Naivität und Realitätsverdrängung gemutmaßt, es würde wohl noch einige Wochen dauern, bis das Problem behoben ist. Aber hey, das hier ist das wirkliche Leben und so sind natürlich schon einige Monate vergangen und mein Bad sieht immer noch nicht besser aus.
Nein, falsch. Es sieht sogar noch viel schlimmer aus und wird täglich unansehnlicher. Sofern mein jämmerliches Erinnerungsvermögen das nicht im Laufe der Jahre verklärt hat, scheint mir sogar das Badezimmer in diesem unerträglich kakerlakenverseuchten Studentenaufbewahrungsheim in Lausanne in einem besseren Zustand gewesen zu sein. Herrjeh, ich habe in ärmlichen afrikanischen Vorstädten bessere Badezimmer gesehen. Dort standen zwar Ziegen in der Badewanne, aber dafür waren noch alle Kacheln an der Wand.
Aber meine Vermieterin sieht offensichtlich trotzdem keinen Handlungsbedarf und läßt Termine zur Badbesichtigung einfach platzen. Vielleicht wacht sie auf, wenn ich jetzt regelmäßig die abfallenden Kacheln eintüte und an ihre Privatadresse schicke. Morgen dürfte sie eine der letzten intakten Kacheln in ihrem Briefkasten finden, die ich heute morgen mühsam von der Wand gepult und mit ein paar freundlichen Worten über die Kürzung der Miete versehen habe.
Kommentare über den drohenden Fußherpes, den ich mir vor lauter Ekel über den Zustand meines Badezimmers einzuhandeln glaube, habe ich mir vorerst noch verkniffen. Genauso wenig wie ich ihr die blutverschmierten Kachelreste geschickt habe, an denen ich mir vorgestern den Fuß aufgeschnitten habe.
Ich fürchte, es ist an der Zeit die "Lyssa duscht sich durch Deutschland"-Tour zu realisieren. Also wundert Euch bitte nicht, wenn ich plötzlich mit meinem Angel-Badesalz in der Hand vor Eurer Tür stehe und Euch an die Einladung vom Dezember erinnere. Flauschige Handtücher und Champagner bringe ich gerne selbst mit. Und um noch ein wenig mehr Mitleid zu ergattern, hier ein paar hübsche Bilder aus meinem Bad im ach-so-schicken Harvestehude.

Seit der Installation der Wasseruhr kann man am oberen Teil der Wand nette Artefakte aus den 50er Jahren bewundern. Die andere Hälfte der Decke ist weiterhin abgehängt und gewährt keine kulturgeschichtlichen Einblicke in die Kunst des Tapetendesigns.

Da sich hinter der oberen Schicht Kacheln praktischerweise eine zweite, identische Schicht verbirgt, scheint die Hausverwaltung keine besondere Dringlichkeit feststellen zu können. Sieht zwar nicht gut aus, aber immerhin kann man noch nicht ins Treppenhaus gucken. Und wenn ich nicht so ungeschickt wäre, würde ich den abfallenden Kacheln auch sicher besser ausweichen können.

Selbst der Fußboden ist inzwischen so morsch, daß die Kacheln lieber an den nackten Füßen als an ihrem angestammten Platz kleben bleiben. Aber mein praktisch veranlagter Hausmeister läßt sich von so etwas natürlich nicht aus der Ruhe bringen und empfiehlt den Gebrauch von Badelatschen.
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