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2004-04-19 - 19:07 - Mit ebay nach Allermöhe

Ich glaube, ich hab ein neues Hobby: mit ebay reisen. Und damit meine ich nicht, seine Urlaubsreise bei ebay zu ersteigern. Nein, ich kaufe Sachen bei ebay, die man aufgrund des Gewichts oder des sperrigen Formats persönlich abholen muß, da der Versandaufwand in keinem Verhältnis zum Kaufpreis stehen würde.

Nur wohnt keiner dieser Menschen, die offensichtlich Sperrgut auf ihrem Dachboden horten, in einem der bekannteren und vor allem nahgelegenen Stadtteile. Die Verkäufer wohnen lieber irgendwo südlich der Elbe, noch weit hinter der letzten U- oder S-Bahn-Station in Gebieten, die nur formal noch zu Hamburg zählen. Stadtgebiete also, die ich ohne Ebay nie betreten würde.

Oder sie schreiben gleich ganz unschuldig klingend "bei Hamburg", was erfahrungsgemäß eine Fahrzeit von mindestens einer Stunde bedeutet. Mein Bruder hat mich grad in die Pampa "bei Hamburg" gejagt (anderthalb Stunden), weil er unbedingt eine Fußgängerampel (fragt mich bitte nicht wozu, ich bin nur der Spediteur) haben mußte. Natürlich hat er mich vorher nicht gefragt, ob ich da denn für eine 5-Euro-Ampel rausfahren wollte. Er hat mir einfach nach Abschluß der Auktion eine Mail mit dem freundlichen Hinweis "da, hol mal ab" geschrieben. Ja, Zwangsarbeit wird in unserer Familie großgeschrieben.

Dafür gibt es da draußen die erstaunlichsten Dinge zu entdecken. Ganze Stadtteile, die aussehen, als hätte man Playmobil-Häuser mühsam auf Normalgröße aufgeblasen, um dann damit beliebig viele, absolut identische Straßenzüge zu erschaffen, in denen eine Orientierung ohne Navigationsgerät unmöglich ist. Straßen übrigens, für die den Stadtplanern offensichtlich die einfachen Straßennamen wie "Marktstraße" ausgegangen sind, weswegen die Straßen in diesen zuspätgekommenen Stadtteilen alle Doppelnamen tragen.

Luise-Krachmacher-Straße, Hein-Kulotzki-Ring ... Alles fein säuberlich sortiert nach größtenteils unbekannten Widerstandshelden, Physikern aus dem dritten Glied, Kleinstadt-Bürgermeistern usw. Jedem Planquadrat sein eigenes Motto.

Aber die größten Schätze tun sich erst beim Betreten der kleinen Reihenhäuser auf. Der Mann, bei dem ich die alte hölzerne Orgelpfeife ersteigert hab, hat den gesamten Hausflur mit präparierten Fischköpfen dekoriert. Man kann sich den Weg zum Gästeklo nur mühsam bahnen, vorbei an toten Glubschaugen und mörderisch aufgerissenen Mäulern mit mehreren Reihen kleiner Rasiermesserzähne. Im Wohnzimmer dann die entsprechende Prunksammlung an Pokalen und Trophäen aus seiner dreißigjährigen Karriere als fanatischer Hobbyangler. "Die Frau jammert immer, weil sie so viel Staub wischen muß. Aber es sieht doch toll aus, nicht wahr."

Im nächsten Haus thronen die Eltern in Feinrippunterhemden auf einer Gelsenkirchener Barock Sofagarnitur, wie man sie heute im Ruhrgebiet lange suchen kann und gucken "Wer wird Millionär". Die Tochter überreicht mir derweil meinen Schatz, ein Milch-und-Zucker-Set passend zum Goldrandgeschirr mit dem elfenbeinfarbenen Porzellan, das mir meine Oma vererbt hat.

Hier findet man auf dem Gästeklo tatsächlich noch eine Barbiepuppe mit Häkelrock, die wenig dezent die Extrarolle Klopapier verdeckt (fast hätte ich nun doch gefragt, ob es sich bei den Eltern um ausgewanderte Ruhrpöttler handelt). Im sehr niedrig aufgehängten Tiffany-Mosaik-Spiegel mit Bleieinfassung kann ich nur einen winzigen Halsausschnitt sehen, während ich mir die Hände in dem muschelförmigen Waschbecken mit goldenem Wasserhahn wasche.

Hoffentlich finde ich bald wieder etwas Brauchbares bei ebay mit dem magischen "Nur für Selbstabholer"-Hinweis. Es gibt so viele Randgebiete, in denen ich noch nie war.

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