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Blogtalk Reloaded

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2004-04-22 - 19:35 - Nur der Mann im Baum schaut zu

Ich bin gestern abend spät noch nach Bochum gefahren, ins Herz des familiären Wahnsinns, und heute morgen sehr früh in meinem alten Zimmer wachgeworden. Viel zu früh, um zu verstehen, warum mir ein Mann durchs Fenster fröhlich zuwinkte, kaum daß ich mich weitestgehend unbekleidet aus dem Bett gewälzt hatte. Das Haus steht für solche Späße eigentlich viel zu weit von der Straße entfernt und wird außerdem von einer riesigen Kastanie vor neugierigen Blicken geschützt.

Es bedurfte einer Schrecksekunde und eines beherzten Sprungs zurück unter die Bettdecke, um zu begreifen, daß mich der Mann aus unerfindlichen Gründen auch nicht von der Straße, sondern direkt aus der alten Kastanie heraus angelächelt hatte. Und das noch vor acht Uhr. 20 Minuten, eine Tasse Kaffee und eine vollständig bekleidete Inspektion später wußte auch ich, daß sich die Stadt endlich der überhängenden Zweige eben jener Kastanie erbarmen wollte.

Kastanie.jpg
(Aus einer Broschüre über Naturdenkmäler in Bochum.)


Die Zweige reißen nämlich immer wieder die Dachrinne herunter, aber da der sehr alte und sehr, sehr große Baum unter Naturschutz steht, dürfen sich nur städtische bestellte Fachleute daran vergreifen. Davon hatten sie morgens gleich vier zu uns geschickt. Drei standen in Cordhose und Pullunder auf dem Rasen, aßen Brötchen und gaben kluge Kommentare und der vierte stand im Korb eines Krans, sägte an meinem Lieblingsbaum herum und hatte dabei noch genügend Zeit, ins Schlafzimmer zu winken. Wäre nett, wenn mir mal jemand vorher von solchen Aktionen erzählen könnte. Es ist ja nicht so, als würde ich keine Pyjamas besitzen.

Kurz danach der nächste Schreck. Ich will ins Netz, kann aber das Modemkabel für meinen Laptop nicht finden. Schlimm genug, daß meine Eltern immer noch kein WLAN haben, schließlich bin ich da inzwischen verwöhnt. Aber wo ist das verdammte Kabel? Ich finde es kurze Zeit später im Korb des Familiendackels, fein säuberlich zerlegt und gründlich eingeschleimt.

Na gut, die Blogrunde ist aufgeschoben und ich bringe erst mal mein Auto zum Händler meines Vertrauens. Der soll die Freisprecheinrichtung einbauen, die es sehr günstig zum neuen Handy dazugab. Auch hier wäre es nett gewesen, wenn ich vorher gewußt hätte (oder durch etwas Nachdenken selbst darauf gekommen wäre), daß er auch gleich zu Testzwecken mein Handy einbehalten würde. Prima, grad mal neun Uhr und ich bin aller Kommunikationsmöglichkeiten mit der Außenwelt beraubt. Nicht nur fern der Heimat, sondern gleich fern des Heimatplaneten.

Also auf zum nächsten Elektromarkt. Und auch da gibt es eine Lektion zu lernen: Man sollte als assimilierte Norddeutsche im Ruhrpott morgens nicht das Haus verlassen, ohne sich ausreichend für den Humor der Eingeborenen gewappnet zu haben. In der Abteilung für Computerzubehör frage ich einen der Männer mit den roten Shirts nach einem Modemkabel: "Sowatt gibbet doch schon lange nich meah zu kaufen. Hammse denn kein WLAN?" Haha! Ich hoffe, es war nur eine Stimme in meinem Kopf, die leise "Töten" murmelte.

Gegen zehn ist klar, das Kabel funktioniert nicht. Nicht so klar ist, ob ich es noch mal bis in den Elektromarkt schaffe, oder ob ich nicht doch besser gleich das Kabel an den Dackel verfüttere und wieder ins Bett gehe, um dem Mann im Baum ein wenig bei der Arbeit zuzusehen. Da kracht ein Ast zu Boden und nimmt einige Dachziegel mit. Ich entscheide mich für den Elektromarkt, um nicht länger Zeuge der Zerstörung meines Elternhauses werden zu müssen.

Dort wird schnell deutlich, daß Humor hier Einstellungsvoraussetzung ist, oder aber die Firma einen abgehalfterten Pro-7-Comedian als Kommunikationstrainer angestellt hat. Nach längerem Suchen finde ich endlich den für dem Umtausch zuständigen Computer-Abteilungs-T-Shirtträger.

"Ah, Sie habe ich gesucht." - "Nein danke, ich war schon mal verheiratet!"

Den nächsten Eintrag werde ich vermutlich aus einer geschlossenen Anstalt schreiben, sofern ich mein neues Modemkabel mitnehmen darf.

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