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2004-04-29 - 23:03 - Gefährliche Unvernunft im Paradies

Das legendäre Okavango-Delta in Botswana ist etwa 16.000 Quadratkilometer groß, wenn der Okavango nach den Regenfällen von Mai bis November unglaubliche Wassermassen und etwa 660 000 Tonnen fruchtbarer Sedimente in das ansonsten trockene Kalahari-Gebiet spült. Die Einheimischen nennen ihn den "unvernünftigen Fluß", weil er einfach irgendwann versandet anstatt wie jeder anständige Fluß ins Meer zu münden.

Dieser Unvernunft verdankt Botswana allerdings das größte Inlandsdelta der Welt und ein weitgehend unberührtes, unfaßbar artenreiches Naturwunder, dessen Flüsse, Inseln und Sümpfe selbst abgeklärte Wissenschaftler in poetisches Schwärmen ausbrechen läßt. Von zarten Bloggerinnenseelchen ganz zu schweigen.

Okavango.jpg

Unvernunft ganz anderer Art gefährdet jedoch diese einmalige Landschaft. Botswanas Nachbarland im Westen, Namibia, ist das wohl trockenste Gebiet des südlichen Afrikas. Einzig die Grenzflüsse im Norden zu Angola, darunter eben auch der Okavango, und der Grenzfluß zu Südafrika im Süden führen ganzjährig Wasser. Die übrigen Flüsse, Reviere genannt, trocknen nach der Regenzeit, sofern sie nicht gleich ausbleibt, schnell wieder aus.

Deshalb liebäugelte die namibische Regierung viele Jahre damit, alljährlich 100 Millionen Kubikmeter Wasser aus dem Okavango abzuzapfen und über Pipelines ins Landesinnere zu pumpen. Denn gerade in der Hauptstadt Windhoek herrscht außerhalb der Regenzeit sowie in besonders dürren Jahren schnell Wassernotstand und die Bewohner müssen sich mit diversen Restriktionen herumschlagen.

Davon ist der noch amtierende Präsident Sam Nujoma vorerst wieder ein kleines Stückchen abgerückt, nicht zuletzt mit Blick auf die heftig protestierenden westlichen Geberländer, deren Gelder etwa ein Drittel des Staatshaushaltes ausmachen - und damit u.a. auch den sehr "staatsmännischen" Lebensstil des Präsidenten finanzieren. So hat etwa der Neubau seines Amtssitzes im letzten Jahr ebenso viel Geld verschlungen wie alle Wasserprojekte des Landes zusammen.

Trotzdem hat man Pläne zur verstärkten wirtschaftlichen Nutzung des Okavango noch nicht völlig aufgegeben. Derzeit plant die Elektrizitätsgesellschaft NamPower im nordöstlichsten Teil Namibias, im Caprivi-Zipfel, bei den Popa-Wasserfällen einen Staudamm zu errichten, der dann ein neues Kraftwerk speisen soll. Der so gewonnene Strom soll vor allem den Norden Namibias versorgen und das Land so ein klein wenig unabhängiger vom Hauptstromlieferanten Sambia machen.

Das ökologische Risiko steht jedoch in keinem Verhältnis zur Leistung des Kraftwerks von 20 bis 30 Megawatt. Es ist nicht abzusehen, wie sich eine Verringerung der Wassermengen auf die benachbarten Popa-Fälle auswirken würde. Ganz zu schweigen von den drohenden Schäden für das einmalige Okavango-Delta, das allmählich versteppen würde, wenn der Fluß das Gebiet nach der Regenzeit nicht mehr mit den üblichen Wassermengen und vor allem der gewohnten Macht überflutet. Außerdem wird befürchtet, daß ein Großteil der lebenswichtigen Sedimente, die die Grundlage für die Fruchtbarkeit der Region mit ihren Palmen und Papyruswäldern bilden, im Staudamm hängen bleiben würde.

Okavango1.jpg

Und das Okavango-Delta ist auch ohne Eingriffe in den Wasserhaushalt schon ausreichend bedroht. Durch den Bevölkerungszuwachs dringen immer mehr Viehhalter aus dem kargen Umland auf der Suche nach neuen Futterplätzen für ihre Rinder und Ziegen weiter in das Delta ein. Dabei verdrängen sie nicht nur das Wild und sorgen durch zuviel Vieh für Kahlfraß, sondern schleppen zugleich neue Krankheiten ein. Immerhin ist die Regierung bemüht, den Tourismus durch teure Lizenzen in einem vertretbaren Rahmen zu halten, ihn zugleich ökologisch sinnvoll zu gestalten und den Einheimischen dennoch eine Lebensgrundlage durch den Tourismus zu bieten.

Es wäre ein unvergleichliches Drama, wenn es nicht gelingen würde, dieses Paradies zu erhalten. (Entschuldigt, beim Gedanken an Afrika werde ich nicht nur ganz sehnsüchtig, sondern offensichtlich auch sehr pathetisch.)

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