Ich hatte schon bessere Wochen, ganz eindeutig, und ich hatte bestimmt auch schon schlechtere Wochen, aber da müßte ich jetzt erst umständlich mein Gedächtnis durchforsten. Die Badezimmersituation spitzt sich zu, auch wenn ich das nicht für möglich gehalten hätte. Der Fortschritt der Arbeit im eigentlichen Bad weckt zumindest noch wissenschaftliches Interesse, denn man fühlt sich bei der Freilegung verschiedenster Zivilisationsschichten ein wenig wie ein Archäologe und ich erwäge, Forschungsgelder zu beantragen (unter dem Schimmelmutterboden liegen noch Holzkeile, dann folgen drei Tapeten aus vier Jahrzehnten und schließlich Stroh unter Putz aus längst vergessenen Vorkriegstagen).
Leider hat meine Vermieterin beschlossen, zeitgleich das dunkle Kellerloch zu renovieren, in dem sich mein Ersatzbad befindet. Davon hatte sie mir natürlich nichts gesagt. Ich fand am Freitag plötzlich einen jungen Mann vor, der beim Abkratzen von Tapetenresten innehielt und mir entgeistert auf die rosa Flip-Flops starrte. Ihm hatte sie vermutlich auch nichts gesagt, sonst hätte er wohl kaum so gedankenlos schwarze Schlieren auf meinem Handtuch hinterlassen und er hätte nach Benutzung "meiner" Toilette auch gespült, ganz bestimmt.
Also bleibt mir vorerst nichts anderes übrig, als auf dem Weg zum Kellerklo über Schuttberge zu steigen (ganz, ganz schlecht in Flip-Flops) und vorsichtig um Tapeziertische herumzumanövrieren, während ich den jungen Mann grüße, der zum Entsetzen der Gewerkschaften auch am Wochenende arbeitet, ja sogar am 1. Mai. Angesichts dieser desolaten Lage hat nun eine Bandscheibe beschlossen, dem Elend vorübergehend zu entfliehen.
Ich konnte meinen Kopf schon Mittwoch kaum noch bewegen, hatte aber an nächtliche Verrenkung geglaubt und gehofft, das Leiden durch einen Wechsel von heißen Pflastern und schlichtem Ignorieren vertreiben zu können. Man kann sich ja in Gegenwart von Klaus und Rolf und ihrem hanseatischen Pragmatismus auch nicht wirklich genüßlich in leidender Divenpose aufs Sofa ergießen und Maximilian zur Massage einbestellen.
Freitag morgen tat dann aber selbst das Atmen weh und als ich auf der ersten Gassirunde den Hundehaufen eintüten wollte, fühlte ich mich wie ein Playmobil-Männchen, das im rechten Winkel eingeknickt hilflos nach vorne umkippt. Es half nichts, ein Arzt mußte her, was gar nicht so einfach ist, wenn man keine kränkelnde Fußballnachwuchshoffnung ist, denn Orthopäden bevorzugen Frühbucher.
Nach unzähligen Telefonaten unter reichlich Bemühen meiner Tränendrüse erbarmte sich schließlich doch ein Arzt, der sich sogar schräg gegenüber meiner toilettenlosen Wohnung befindet, so daß ich die Strecke durch zwei Mal Vornüberkippen locker bewältigen konnte. Ein wenig Drücken hier, ein Blick aufs Röntgenbild da und schon hatte er einen Fluchtreflex meiner Bandscheibe im Bereich der unteren Halswirbelsäule diagnostiziert.
Ein paar Spritzen später ("Sie sind aber wehleidig." - "Nein, Sie sind brutal.") drückte er mir noch eine Halskrause in die Hand (weiß jemand, warum die Dinger immer unappetitlich fleischfarben sind, so kann man nicht mal hartgesottene Fetischisten dafür begeistern), verordnete mir Schonung und entließ mich mit einem neuen Termin für Montag und der Ankündigung weiterer Schmerzen. "Am Montag werden Sie mir auf Knien dafür danken, schon so schnell wiederkommen zu dürfen." Und da dachte ich naives Ding bereits am Mittwoch, die Woche könnte kaum schlimmer werden.
Das wirklich Kuriose an dieser Situation sind allerdings nicht die erstaunlichen Schmerzen, sondern die Reaktionen meiner Mitmenschen. Plötzlich fühlen sich flüchtige Bekannte bemüßigt mir zu erläutern, daß man Bandscheibenprobleme normalerweise eher im Bereich der Lendenwirbel hat. Diese lehrreiche Unterweisung nutzen sie dann, um mir mittels Hand auf meinem Hintern anschaulich zu verdeutlichen, wo die Lendenwirbelsäule liegt. Seit meinen Kellnerinnentagen beim Seniorenkaffeeklatsch haben mir nicht mehr so viele Fremde ungefragt an den Hintern gefaßt.
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