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2004-05-04 - 19:45 - Im Mokoro durchs Okavango-Delta - Teil 1

Da es aus dem Haus des Höllenhämmerns, wo die Pilzsporen zusammen mit den Staubkörnern durch die Sonnenflecken tanzen, nur wenig Erfreuliches zu berichten gibt, gebe ich mich heute ungehemmt meinen eskapistischen Tendenzen hin. Flüchten wir also nach Botswana, solange es das Okavango-Delta dort noch gibt, denn ich hatte bei meinem letzten Bericht ganz vergessen zu erwähnen, was mich eigentlich in diese Ecke der Welt verschlagen hatte.

Ich hatte bereits direkt nach dem Abitur ein Jahr auf einer entlegenen Farmschule im Norden Namibias gearbeitet und bei der Gelegenheit mein Herz an Afrika verloren. Also nutzte ich das erste Pflichtpraktikum im Studium, um nach Namibia zurückzukehren. Vier Wochen lang durfte ich als ziemlich nutzloses Anhängsel eines Windhoeker Anwalts von Gerichtstermin zu Mandantengespräch eilen, dann hatte ich sechs weitere gloriose Wochen zur freien Verfügung.

Nachdem mir schon so viele Menschen von der unfaßbaren Schönheit des Okavango-Deltas vorgeschwärmt hatten, wollte ich auch unbedingt dort hin. Die Kosten einer professionell organisierten Reise mit Lodge-Aufenthalt und Tour-Guide überstiegen aber schon für eine Woche mein gesamtes Reisebudget, so daß ich die Organisation vor Ort selbst in die Hand nehmen mußte. Außerdem wollte ich eine Abenteuerreise und kein Rund-um-die-Uhr Pampering. Ich buchte also einen Flug nach Maun, der Stadt am südlichen Rand des Deltas, und wollte mich dort dann nach einem Tour-Guide umsehen.

Zum Glück nahmen meine Eltern die Ankündigung, ich würde jetzt in die Wildnis verschwinden in der Hoffnung, von einem Einheimischen eine Woche lang in einem hölzernen Einbaumboot durch den Sumpf gerudert zu werden, mit größtmöglicher Gelassenheit zur Kenntnis. "Meld dich, wenn du wieder da bist." Einzig ein besorgter Kollege meines Vaters fühlte sich verpflichtet, nachdem ich nicht auf seine Warnungen hören wollte, den Windhoeker Anwalt anzurufen und mit diplomatischen Verwicklungen zu drohen, falls ich verloren gehen sollte.

Das beeindruckte natürlich wenig und so stieg ich schließlich in die kleinste Linienmaschine der Namib Air, deren sechs Sitze nur zur Hälfte belegt waren. Größer hätte die Kiste für das kleine Rollfeld in Maun auch nicht sein dürfen, sonst hätten wir die Wellblechhütte am Ende gerammt, die als Zollhäuschen diente. Die Einreise klappte problemlos, dauerte aber etwas länger, weil die Zollbeamtin zuerst ihre kleine Tochter stillen mußte. Aber sie hatte ja noch drei Kinder rumwuseln, die für Entertainment während der Wartezeit sorgten.

In Maun suchte ich erst ein Hotel und dann einen Guide, wobei sich das eine auf wundersame Weise mit dem anderen verbinden ließ, denn der Mann an der Rezeption hatte einen Cousin, der wiederum an der Rezeption des Nachbarhotels stand, und dessen Halbbruder usw. Egal, jemand kannte jemanden, der im Delta lebte, sich entsprechend gut dort auskannte, mit Englischbröckchen um sich werfen konnte und tatsächlich grad in der Stadt war. So lernte ich Josef kennen, der mich gegen Verpflegung und ein geringes Entgelt fünf Tage lang in seinem Mokoro, dem traditionellen hölzernen Einbaumboot, durchs Delta staken wollte.

Ich kaufte auf seine Anweisung hin kiloweise Reis und ein bißchen Kleinkram. Das sollte reichen, denn er wollte allabendlich mit einer Reuse frischen Fisch fangen und ihn dann in einem eisernen Dreifußtopf überm offenen Feuer kochen. Vielleicht hätte ich noch mehr gekauft, wenn ich gewußt hätte, daß er den Fisch samt Schuppen, Gräten und Innereien zusammen mit dem Reis in den Topf warf und ich jeden Abend geraume Zeit mit dem Auseinanderpulen von Fischteilen verbringen würde. Aber hey, ich wollte ja unbedingt ein Abenteuer und keine Pauschaltour mit Cocktails im Sonnenuntergang.

Allzuviel paßte eh nicht in so ein schmales Boot, wie ich sehr früh am nächsten Morgen feststellen mußte. Dafür ist das leichte, flache Boot das ideale Transportmittel im Delta, wo sich flache, sumpfige und sehr bewachsene Gewässer mit klaren, schnellen Flüssen abwechseln. Man gelangt überall hin, bewegt sich dank "Stockantrieb" nahezu geräuschlos vorwärts und stört weder Flora noch Fauna dauerhaft. Und selbst die Hauptflüsse sind noch flach genug, um den langen Stock in den Boden zu drücken und sich damit vorwärts zu stoßen.

Okavango4.jpg

Zumindest trieb Josef uns damit zügig voran. Mein einziger Versuch (vorsichtshalber mit leerem Boot) endete in einem sinnlosen Kreisverkehr, den ich nur durch einen Sprung ins Wasser unterbrechen konnte. Ich mußte das störrische Biest dann unter Josefs gehässigem Gelächter schwimmend an Land ziehen. Zum Glück wies er mich erst später auf die Krokodilgefahr hin. "But I look, no croc there when you swim boat back."

Okavango3.jpg

(Teil 2 folgt nach einer kurzen, werbefreien Pause.)

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