Es klingt unglaublich, aber passend zum Abschluß der ersten "Afrika-Woche bei Lyssa" ergab sich am Wochenende kurzfristig die Gelegenheit, den ehemaligen Präsidenten der Republik Südafrika und Friedensnobelpreisträger, Frederik de Klerk, und seine Frau Elita bei einem privaten Abendessen im kleinen Kreis kennenzulernen. Ich war 1992 zum ersten Mal in Südafrika, wenige Monate nachdem die weiße Bevölkerung bei einem Referendum mit großer Mehrheit ihre Zustimmung zu de Klerks Reformpolitik gegeben hatte, aber natürlich hatte ich ihn damals nicht kennengelernt.
Kein Wunder also, daß ich, Halskrause hin oder her, alles stehen und liegen ließ und in den nächsten Zug Richtung Ruhrgebiet sprang, wo Herr de Klerk als Redner geladen war und sich ins Goldene Buch der Stadt Gelsenkirchen eintragen sollte. Meiner alten Heimatstadt Bochum hatte man das auch angeboten, aber der Herr Oberbürgermeister Stüber ist ein wahrlich vielbeschäftigter Mann und hat für solchen Tinnef keine Zeit. Bei ihm geht alles seinen geregelten Gang und auch Nobelpreisträger haben drei Monate im voraus um eine Audienz zu ersuchen - mindestens drei Monate vorher.
Ich war sehr gespannt den Mann kennenzulernen, der aus einer traditionsreichen, konservativen Politikerfamilie stammt und sich im Laufe seines Lebens vom Verfechter der Apartheid zu einem engagierten Gegner gewandelt hat. Den Mann, der am 2. Februar 1990 die Weltöffentlichkeit und sein eigenes Land mit einer historischen Rede überraschte, in der er das Ende der Rassentrennung und die Legalisierung der Opposition ankündigte. Und der sich schon vor Mandelas endgültiger Freilassung am 11. Februar 1990 heimlich mit ihm traf, um Wege zu finden, einen drohenden Bürgerkrieg gemeinsam abzuwenden.
Ich glaube, daß de Klerks Bedeutung für die jüngere Geschichte Südafrikas hier in Europa häufig unterschätzt wird, weil wir mit Nelson Mandela als alles überragender Symbolfigur groß geworden sind, de Klerk als Weißer außerdem nicht so leicht zum Helden taugte und wir schließlich 1990 viel zu sehr mit den Umbrüchen im eigenen Land beschäftigt waren, um die Ereignisse im fernen Afrika noch genau zu verfolgen. In Afrika selbst beurteilt man seine Leistung als Präsident ganz anders.
So neugierig wie am Freitag war ich also schon lange nicht mehr und so angenehm überrascht erst recht nicht. Na gut, ich gebe zu, ich war sogar sehr, sehr beeindruckt von de Klerk, was mir wirklich nur selten passiert. Er entpuppte sich ebenso wie seine Frau als witziger und charmanter Gesprächspartner und zugleich als angenehm entspannter und bescheidener Mensch. Vor allem aber als absolut leidenschaftlicher Botschafter seines Landes. Am Ende des Abends verspürte man unweigerlich den Drang, sofort sein Bündel zu schnüren und alle Energie auf die Rettung Afrikas zu konzentrieren. Es wäre schön, wenn er das Coaching für unsere Regierungsmitglieder übernehmen könnte.
Er hatte viel über die aktuelle Situation Südafrikas zu erzählen. Über das Scheitern der bisherigen Bildungs- und Gesundheitspolitik, vor allem über das Drama Aids und die jahrelange Weigerung der Regierung Mbeki, HIV als Auslöser für Aids anzuerkennen, über die Übertragungswege aufzuklären, Medikamente zur Verfügung zu stellen oder internationale Hilfe auf dem Gebiet anzunehmen. Über die unglaubliche Armut im Land, die die Aids-Problematik noch verschärft. Aber auch über die Erfolge etwa bei der Korruptionsbekämpfung und bei der Gleichstellung der Frau.
Und er beantwortete natürlich bereitwillig die zahlreichen Fragen über die Zeit seiner Präsidentschaft, als Südafrika ständig am Rande eines Bürgerkriegs stand und nicht ein Tag ohne Ausschreitungen verging. Er erzählte von dem ersten geheimen Treffen mit Mandela, bei dem wenig über Politik geredet wurde, sondern sich beide erst mal beschnupperten und auf menschlicher Ebene gleichermaßen angetan voneinander waren. Von den Widerständen, die er aus der eigenen Partei erfuhr und von den Freunden, die er wegen seiner Politik verlor.
Er erläuterte, daß der friedliche Wechsel in Südafrika ohne den Fall der Mauer und das Ende des kalten Krieges nicht möglich gewesen wäre, weil Rußland sehr viel Geld (und Waffen) in den ANC investiert hatte und hoffte, auf diesem Weg die Kontrolle über Südafrika zu gewinnen. Unter diesen Umständen hätte die weiße Bevölkerung einer Reform und einem Machtwechsel niemals zugestimmt und es wäre auf lange Sicht doch zu einem Bürgerkrieg gekommen. "When the Berlin wall came down, there was a small window of opportunity and I just simply used that."
Und zum ganz persönlichen Wandel befragt: "I didn't have a Damascus experience. It was a process that I went through together with other government members. I came to realize that the idea of nation building on the basis of ethnicity does not work. The system I grew up with was inherently unjust and as a moral person I could not uphold it any longer. Sure, I could have stayed in power, but the price would have been hundreds of thousands of dead bodies."
De Klerk hat sich 1997 vollständig aus der Tagespolitik zurückgezogen und ist seither sehr viel auf Reisen, um in der ganzen Welt Vorträge zu halten. Wenn er doch mal zuhause ist, dann kümmert er sich um sein kleines Weingut ("My wife and I don't really know what we're doing and we will lose money, but it's alot of fun. The first crop will be bottled in three months."). Angeblich schläft er seit seinem Rückzug ins Private morgens wesentlich länger, aber seine Frau erzählt, daß er immer noch sehr viel arbeiten würde und sie ihn häufiger schon früh morgens dabei erwischt, wie er vor seinem Lieblingshund über aktuelle politische Fragen doziert.
Frau de Klerk vermißt ihre sechs Hunde übrigens so sehr, daß sie mich schließlich überredete, meinen Hund aus dem Nebenzimmer zu befreien, wo er sich bislang mit den Sicherheitsleuten amüsiert hatte. Ich hatte Sorge, der Hund könnte die Situation nutzen, um den Rest des Tisches abzuräumen, aber er verhielt sich ausnahmsweise ganz gesittet und sprang nur direkt bei Frau de Klerk auf den Schoß. Zum Glück war sie so entzückt von dem kleinen Monster, daß sie es gelassen hinnahm, als er ihr vor Freude seine Zunge ins Ohr bohrte.
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