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2004-05-20 - 23:55 - Alternativprogramm zum Vatertag

Das Schlimmste am Vatertag sind nicht die Horden von schwer angeheiterten bis alkoholvergifteten Versicherungsfachangestellten, die einmal im Jahr den inneren Hengst befreien, die mahnenden Worte von Mutti und dem Chef in den Wind schreiben und mit ihren Bollerwagen losziehen, um die öffentlichen Grünflächen zu erobern. Die fallen höchstens noch durch verstärkte Ausdünstung auf in der unfaßbaren Masse Mensch, die sich grundsätzlich an Sonn- und Feiertagen im Gleichschritt mit leicht verspiegelten Fielmann-Sonnenbrillen über die gequälten Rasenflächen schiebt.

Nein, das Schlimmste an einem solchen Feiertag ist der Tag davor. Am Tag vor dem Feiertag, der wiederum vor einem Brückentag liegt (Brückentage sind keine gesetzlichen Feiertage, sondern Feiertage der technischen Gesellschaft für Ineffizienz in Behörden und Handwerksbetrieben), glaubt jeder Besitzer eines Kühlschranks so große Mengen einkaufen zu müssen, daß er damit halb Nigeria versorgen könnte. Klar, morgen ist ja auch Feiertag. Man bedenke: Ein Feiertag! Und danach folgt ein Brückentag. Ein Brückentag!

Da gilt es auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein, auch wenn man erfahrungsgemäß nicht mehr braucht als literweise Bier, meterweise Bockwurst und dazu ein wenig labbriges Plastikbrot mit Senf. Aber eingekauft wird trotzdem als hätte der Bundespräsident persönlich als letzte Amtshandlung den Notstand ausgerufen.

Entsprechend voll war der Supermarkt, in dem ich einfach nur meine Wasservorräte aufstocken wollte, schon morgen um halb elf und etwa fünf Minuten nach Betreten war mir meine gute Laune vollends entglitten. Ich konnte nicht mal einen zaghaften Blick auf das Obst werfen, ohne daß eine übermotivierte Einkäuferin mir ihren Einkaufswagen in die Achillessehne rammte, um anschließend schmerzhaften Kontakt zwischen meiner Bauchgegend und ihrem Ellenbogen herzustellen.

Na gut, dann eben nur Wasser, bitte. Aber selbst dafür mußte ich etwa dreißig Minuten vor der Kasse anstehen. Währenddessen schlief der übelriechende Mann hinter mir, der ganz offensichtlich schon mal mit dem Üben für den Vatertag angefangen hatte, in kurzen Abständen im Stehen ein und ließ jedes Mal vertrauensvoll den zottelbärtigen Kopf gegen meinen Rücken sacken.

Anschließend probierte ich mein Glück in der Innenstadt, wo ich die Geschenke für die in den nächsten Wochen anstehenden Hochzeiten einzukaufen gedachte. Aber als ich endlich einen Blick auf die ausliegenden Hochzeitslisten werfen konnte, mußte ich leider feststellen, daß ich nach dem Kauf des Gewünschten etwa drei Monate von Luft und Liebe würde leben müssen. Da Liebe aber noch flüchtiger ist als so mancher Gasbestandteil der Luft, entschied mich für den direkten Weg zum nächsten Bagel-Shop.

Als ich auf dem Heimweg schon wieder den zotteligen Kopfnicker aus dem Supermarkt traf, verfügte der Teilzeiteremit in mir, den heutigen Tag unter Ausschluß der Öffentlichkeit zu verbringen (unaufschiebbare Gassigänge ausgenommen, versteht sich). Angesichts des eher mäßigen Wetters müssen auch einige Väter beschlossen haben, lieber Mutter und Kind mit dem Bollerwagen loszuschicken und es sich statt dessen mit dem Bier vor dem heimischen Rechner gemütlich zu machen.

Anders läßt sich zumindest der sprunghafte Anstieg von eher hormongeschwängerten Suchanfragen im Stil von "70er Jahre Pornos", "fesselte ihn den Mund zu" (herrjeh, eine Erektion ist doch noch lange kein Grund seine Sprachkenntnisse über Bord zu werfen), "Sex Kurzgeschichten umsonst" und "beschnittene können länger" (das beschnittene männliche Genital in allen möglichen Ausführungen war heute definitiv der Superstar unter meinen Suchanfragen) nicht erklären.

Vatertag1.jpg

Manche Väter versuchten allerdings auch mit eher unkonventionellen Methoden der Familie zu entkommen, ...

Vatertag2.jpg

... aber die Brut hatte sie trotz Feiertag weiterhin fest im Griff.

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