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2004-05-24 - 23:35 - Boot an Backbord

Als ich mich, noch zu unseligen Abizeiten, für Hamburg als Wunschstudienort entschied, hatte das wenig mit Vernunft und sehr viel mit einem Merian-Heft zu tun. Ich kannte nämlich absolut niemanden hier und hatte auch sonst keine entfernten verwandtschaftlichen Kontakte, auf die ich bei Problemen hätte zurückgreifen können. Strenggenommen kannte ich abgesehen von einer Stunde Aufenthalt am Hauptbahnhof vor vielen Jahren überhaupt gar nichts von Hamburg, bis ich einen Tag vor Studienbeginn ohne feste Unterkunft aus dem Zug stieg.

Aber ich hatte dieses Merian-Heft gelesen, in dem alle möglichen bekannten und unbekannten Menschen erläuterten, warum sie so unheilbar verliebt in die Stadt sind. Natürlich gab es auch hübsche Bilder dazu, aber es waren diese Liebeserklärungen an die unbekannte Stadt, die mein Herz eroberten. Hübsche Bilder gab es auch von jeder anderen Stadt in solchen Heften, selbst von Karlsruhe, aber nicht diese Leidenschaft, nicht diese Sehnsucht, mit der Ausgewanderte von Hamburg sprachen.

Ich fürchte, ich hab mich aus der Ferne zugleich in Hamburg und seine Bewohner verliebt - ungefähr so, wie man sich in einen Filmstar oder einen Musiker verliebt und entsprechend hart war der Aufschlag in der Realität. Denn die Stadt empfängt ihre Neubürger nicht unbedingt mit offenen Armen, freien Wohnungen und einer großen Portion Warmherzigkeit, sondern eher mit mundfauler Reserviertheit und ziemlich schlechtem Wetter.

Eine Beschwerde bei der Merian-Redaktion konnte daran auch nichts ändern und die Tatsache, daß ich nach zwei Semestern immer noch in Hamburg hockte, hatte mehr mit meiner verbissenen Sturheit als mit großer Liebe zu tun. Als ich dann aber nach fünf Semestern tatsächlich wegzog, bin ich in der Schweiz vor Heimweh nach Hamburg fast wahnsinnig geworden (die Höhenluft könnte allerdings ihren Teil dazu beigetragen haben) und konnte den Moment kaum erwarten, an dem ich endlich wieder über die Elbbrücken fahren durfte.

Ein weiterer Grund, den man mit Mühe und Not noch vernünftig nennen kann, war das viele Wasser in und um Hamburg. Ich beabsichtigte, die Sommersemester überwiegend segelnd zu verbringen. Auch dieses Vorhaben ließ sich nicht ganz so wie gewünscht umsetzen, aber ich hätte trotzdem nie gedacht, daß ich eines regnerischen Maisonntages mal von einem Boot zugeparkt werden würde, anstatt darin über die Alster zu schippern.

Daher fürchtete ich gestern schon eine Sehnerventzündung, als mir ein in zweiter Reihe geparktes Boot auf einem Anhänger den Weg zu meinem Auto versperrte. Aber nein, der Sehnerv funktionierte prima. Da stand tatsächlich ein Boot in zweiter Reihe, leider ohne das dazugehörige Auto vorne dran und ohne einen Besitzer weit und breit. Den fand ich dann etwa zwanzig Minuten später in einem Café um die Ecke. Das Auto hatte er schon auf den Hinterhof gefahren, auf den auch das Boot gehörte, aber irgendwie schien ihn zwischendurch die Energie verlassen zu haben, weshalb das Boot es nur bis vor mein Auto, nicht aber bis auf den Hof geschafft hatte.

Erwähnte ich schon, daß ich Hamburg vor allem wegen seiner reizenden Bewohner, aber auch des vielen Wassers und der tollen Boote wegen liebe?

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