"Hallo Lyssa, ich habe dich eigentlich ganz gern gelesen, aber diese neue Masche nervt. Warum biederst du dich mit niedlichen kleinen Bildchen und erotischen Andeutungen bei deinen männlichen Lesern an? Das hast du doch gar nicht nötig. Du bist eine intelligente Frau. Aber davon ist im Moment nicht viel zu merken, weil du dich lieber als Weibchen aufführst und dich als Objekt für männliche Fantasie zur Verfügung stellst. Schade, so kann ich dich nicht mehr ernst nehmen. Gruß, F."
Tja, liebe F., ich gebe zu, daß du mich heute morgen ganz schön aus dem Donnerstagskonzept geworfen hast. Ich bin ja Selbstzweifeln ganz und gar nicht abgeneigt. Jede Kritik oder Äußerung des Abscheus, ganz egal ob nun berechtigt oder nur so dahergetrollt, nehme ich zunächst mal bereitwillig zum Anlaß, in diesen Sumpf zu springen und mich zu fragen, wann und warum ich bloß so ein nichtsnutzer Mensch werden konnte. Zum Glück springt dann aber irgendwann meine Ratio wieder an und tritt mir gewaltig in den Arsch, um mich zu einem etwas differenzierteren Selbstbild zu bewegen.
Und als das heute morgen passierte, da wurde aus Zweifel Wut. Wut in dieser "kick ass"-Variante, ja geradezu heiliger Zorn. Aber nicht, weil ich mich von dir mißverstanden fühle. Jeder Leser macht sich sein ganz eigenes Bild von mir und das muß nicht immer unbedingt mit der Realität übereinstimmen, geschweige denn mir gefallen. Das ist es nicht, was mich so richtig wütend gemacht hat. Viel, viel schlimmer ist das Frauen- und Weltbild, das in deinen Zeilen deutlich wird, denn deine Mail sagt viel mehr über dich als über mich aus.
Du willst Frauen auf eine bestimmte Linie trimmen und wer von deinem rechten Pfad abweicht, wird in deiner Welt nicht mehr ernst genommen. Leider bist du damit keinen Deut besser als Männer, die Frauen belächeln und sie für weniger fähig halten. Und du bist auch nicht viel anders als die Frauen, die Feministinnen für unweiblich halten - auch wenn du genau mit diesen Frauen bitte nicht in einen Topf geworfen werden möchtest.
Ihr alle versucht aus unterschiedlichen Gründen das Frausein in eine bestimmte starre Form zu pressen, und nur wer sich so zurechtbiegen läßt, der bekommt das Prädikat wertvoll verliehen. Leider führt das dazu, daß es eigentlich nur zwei Arten von Frauenbildern oder Identifikationsfiguren gibt, Alice Schwarzer und Verona Feldbusch. Dazwischen herrscht gähnende Leere. Aber ich hab da eine Überraschung für dich: Die wirkliche Welt da draußen ist ganz anders.
Und es ist dringend an der Zeit, eine neue Ära des Feminismus auszurufen. Eine, die Frauen auch ideologisch mehr Spielraum und Entfaltungsmöglichkeiten läßt, weil wir sie in der Welt heute tatsächlich haben. Von einer echten Gleichberechtigung in allen Lebensbereichen sind wir immer noch weit entfernt, aber die Frauenbewegung hat viel erreicht. Und ich hab das Glück, in den 70ern geboren zu sein und schon von dem zu profitieren, was Frauen wie meine Mutter erreicht haben, die sich nie versteckt, sondern die immer die Klappe aufgemacht haben und für ihre Anliegen auf die Straße gegangen sind.
Aber das bedeutet zugleich, daß ich die neuen Freiräume auch nutzen möchte. Frauen, die sich aus Bequemlichkeitsgründen als hilfloses Reh durchs Leben schlagen, kann ich genauso wenig ausstehen wie du. Aber ich muß zum Glück nicht mehr ständig super tough sein, um als gleichwertig wahrgenommen zu werden. Ich hab Ellenbogen, aber ich muß sie nicht jedem zur Begrüßung ins Gesicht rammen. Ich bin eine intelligente, gebildete Frau und wem das wirklich wichtig ist, dem kann ich das natürlich gerne durch Zeugnisse und Stipendien nachweisen, der übliche Papierkram eben. Aber ich muß das nicht permanent auf einem Silbertablett vor mir hertragen und zwanghaft unter Beweis stellen.
Denn wer nicht in der Lage ist, das auch so aus meinen Zeilen herauszulesen und hinter die heitere Leichtigkeit und die Chick-Lit-Attitüde zu blicken, dem ist wirklich nicht zu helfen. Ebenso wenig wie denjenigen, die sich allein am Dekollete oder am dunkelroten Lippenstift orientieren und dann glauben, sie hätten die passende Schublade gefunden. Oder denjenigen, die es nicht verkraften, wenn z.B. Anke außer intelligenten Filmkritiken auch zartes Liebesgeflüster von sich gibt.
Ich sehe nicht ein, warum wir uns von der intellektuellen Kurzsichtigkeit anderer Menschen in unserem Leben einschränken lassen sollten. Ich will offen mit meiner Sexualität umgehen, flirten, wenn mir der Sinn danach steht, mich in Divenpose auf dem Sofa räkeln und mir von halbnackten Männern Cocktails servieren lassen. Ich will mit Geschlechterrollen und -klischees ganz nach Belieben spielen, die Vorzüge meiner Weiblichkeit schamlos ausnutzen und trotzdem in einer Diskussion über das Zuwanderungsgesetz ernst genommen werden.
Kurz: Ich will alles sein dürfen, was ich sein kann. Und wer da nicht mitkommt, dem kann ich nur ganz dringend einen Crash-Kurs in modernem Leben empfehlen.
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