Die Hochzeit meiner Studienfreundin war so schön, eine so angenehme Mischung aus Tradition und gelassener Moderne, daß ich mich nicht in der Lage sehe, auch nur ansatzweise der heimlichen Heldin der Hochzeitsverächter und Entdeckerin des Brauthormons nachzueifern. Heiraten will ich zwar immer noch nicht, aber genossen habe ich den Tag trotzdem. Nicht zuletzt, weil er lehrreich war. Sehr lehrreich sogar.
Da ich als Sproß einer durch und durch protestantischen Familie katholische Kirchen meist nur im Ausland und zu Besichtigungszwecken betrete, bin ich bei Feierlichkeiten in katholischen Gotteshäusern immer wieder erstaunt über die Fähigkeit kirchlicher Inneneinrichter, die Kniebänke so zu plazieren, daß es einem Menschen über 1,6 m nicht möglich ist, eine halbwegs bequeme Sitzposition zu finden. Nach etwa 15 Minuten wünscht man sich geradezu, endlich auf die Kniebank rutschen zu dürfen.
Außerdem scheint es bei kirchlicher Dekoration genau zwei Stilrichtungen zu geben. Zum einen bei beiden Konfessionen den altmodischen Stil mit schweren dunklen Elementen, wie er vorzugsweise in alten, großzügigen Gotteshäusern zu finden ist. Und der bei den Katholiken durch reichlich Blattgoldapplikationen aufgehellt und verprunkt werden darf. In neuerer Zeit tendieren die Inneneinrichter evangelischer Kirchen hingegen eher zu "staubige Schulaula aus den 70ern", während das katholische Pendant unweigerlich an eine Waldorfschule erinnert.
Daher werde ich auch das Gefühl nicht los, daß weniger die Heimatgemeinde entscheidend für die Hochzeit in Bochum war als vielmehr die Stadt selbst. Auf diese Art konnte man nämlich gleich mehrfach im Laufe des Abends Grönemeyers "Bochum" spielen und mittels ausgeteilter Liedzettel auch die angereisten Hanseaten zum ehrfürchtigen Mitsingen ermutigen (oder fällt das Vorenthalten des Desserts schon unter Zwang?) sowie den geplagten Bräutigam mit einem VFL-Schal dekorieren. Es geht eben nichts über eine lokalpatriotische Gänsehaut, vor allem wenn man schon vor über zehn Jahren ausgewandert und der eigene Pulsschlag aus Stahl mittlerweile ziemlich elbverwässert ist.
Der Höhepunkt des Abends bestand aber nicht im Absingen dessen, was die Muschelschubser als schmutzige Lieder bezeichnen dürften, noch im Werfen des Brautstraußes, vor dem alle ledigen Frauen zurückwichen als sei er pestinfiziert. Nein, der Höhepunkt war die Tischrede des Trauzeugen, die so unvorstellbar charmant und saukomisch war, daß sich alle überbezahlten TV-Comedians augenblicklich schamerfüllt auf ihr Altenteil zurückziehen müßten. Ich war den Rest des Abends von tiefer Dankbarkeit darüber erfüllt, daß keiner der anwesenden Gäste auch bei Maximilians Hochzeit eingeladen ist und daher keiner dieses Meisterstück zur Bewertung meiner jämmerlichen Redeversuche heranziehen kann.
Mit orthopädisch interessanten Fotos von zu Füßen liegenden Männern kann ich übrigens nicht dienen. Die Braut, in einem sehr schlichten, schulterfreien weißen Kleid mit oberarmlangen Handschuhen, war viel zu schön als daß irgend jemand einen Blick für andere Frauen übrig gehabt hätte. Ganz so wie es sein sollte. Was also das egoschmeichelnde Zufüßenwerfen angeht, verlasse ich mich weiterhin ganz auf Euch.
Nachtrag, weil ich das jetzt schon mehrfach per Mail gefragt wurde (Ihr habt Sorgen, ts): Nein, ich habe in der Kirche nicht geheult. War schlichtweg nicht möglich, denn hinter mir saß eine Dreijährige, die in den entscheidenden Momenten immer eine Frage parat hatte. "Mamaaa, wie lange noch?" - "Können wir jetzt geeeehen?" oder auch "Warum stehen die ganz alleine da vorne?"
Die Heulerei hat höchst rührend der Bruder des Bräutigams übernommen, der vor lauter Weinen für jeden Satz seiner Fürbitten mehrere Anläufe brauchte.
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