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2004-06-09 - 13:46 - Aicha

Als ich kürzlich in Bochum war, habe ich zum ersten Mal seit zwei Jahren Aicha wiedergetroffen, zum Kaffee im Garten meiner Eltern. Aicha wohnt mittlerweile in Köln und wir sehen uns nur sehr selten, aber sie lebte lange in meinem Elternhaus. Mit Familienanschluß sozusagen. Und sie zählt bis heute zum erweiterten Familienkreis. Ihre Geschichte ist ein gutes Beispiel dafür, wie meine nur auf den ersten Blick ganz konventionelle Familie funktioniert (was die Hobbyanalytiker unter Euch daraus machen, möchte ich lieber gar nicht wissen).

Strenggenommen waren wir ein klassischer Vier-Personen-Haushalt, aber ich kann mich kaum an Zeiten erinnern, in denen tatsächlich nur vier Personen in unserem Haus lebten. Einem fast 200 Jahre alten Bauernhaus, das zum Glück groß genug für derartige Aktionen war. Es begann mit den Kindern einer Freundin meiner Mutter, als ich gerade mal vier oder fünf war. Die Freundin mußte für ein halbes Jahr ins Krankenhaus, der Vater war beruflich viel unterwegs und ihre zwei Söhne im Kindergartenalter kamen für dieses halbe Jahr zu uns.

Danach hatten wir immer mindestens ein zusätzliches Familienmitglied im Haus, denn Menschen, die bei uns wohnten, waren immer mehr als nur Mitbewohner. Man konnte nicht einfach nur ein Zimmer bekommen. Man bekam statt dessen gleich eine ganze Familie, ob man wollte oder nicht. Offene Arme, Herzenswärme, Hektik, Neurosen und unerträglich antiautoritär erzogene Kinder inklusive.

Da war z.B. Icim, deren ältere Schwester bei uns auf dem Hof gearbeitet hatte. Icim war 17 und wollte partout den anatolischen Cousin nicht heiraten, den ihre Eltern für sie ausgesucht hatten. Sie brauchte nicht nur das Zimmer, sondern auch den Familienanschluß, bis sie sich wieder mit ihrer Familie versöhnt hatte. Später kam meine Cousine, die aus der DDR geflüchtet war und geraume Zeit brauchte, bis sie sich eine eigene Existenz aufgebaut hatte (und danach viel Zeit brauchte, um sich wieder von uns zu erholen).

Ganz zu schweigen von den vielen Austauschschülern aus den USA, Chile, Brasilien, Ägypten und Großbritannien, die jeweils drei bis zwölf Monate bei uns lebten. Ich glaube, wir hatten ungefähr zehn Jahre lange immer mindestens einen Austauschschüler, oft auch zwei in unserer Familie, die alle ihre Spuren hinterließen. Manche in Form von Sitten und Ritualen, an denen wir noch heute festhalten, andere durch kaputte Autos und dauerhafte Spuren von wüsten Parties.

Und bevor es hier allzu idyllisch wird: Es war natürlich nicht immer alles ganz wundervoll. Wir waren kein perfekter Multikulti-Mikrokosmos. Als kleines Kind fand ich es herrlich, in der Pubertät trieben mich vor allem die braven Austauschschüler oft die Wand hoch. Diese amerikanischen Stipendiatinnen von irgendwelchen elitären Ostküstenschulen mit ihrem perfekten Lebenslauf, den Fotos von ihren Auftritten mit der Marching Band oder dem Lacrosse Team und von ihren ebenso filmreifen Freunden mit Fönfrisur, die Darren oder Mike hießen.

Aber das mit Aicha war etwas anderes. Aicha kommt ursprünglich aus Marokko und hat bei uns gearbeitet, als ich etwa vier Jahre alt war. Dann ging sie mit ihrem Mann zurück nach Marokko und wir hörten nichts mehr von ihr. Einige Jahre später, an einem kalten Sonntag morgen im November, klingelte es plötzlich an der Haustür und Aicha stand da, weinend. Ganz allein mit einem kleinen Koffer in der Hand.

Ihr Mann hatte sie verstoßen, weil sie keine Kinder bekommen konnte (mittlerweile hat sie drei wunderschöne Töchter und ihr Ex-Mann hat schon die dritte kinderlose Frau verstoßen, aber an ihm lag es natürlich nicht, bestimmt nicht). Sie konnte sich damals aussuchen, ob sie ihren Schmuck und ihre ganzen Sachen oder ihren Paß behalten wollte. Sie nahm den Paß, verkaufte die letzten Schmuckstücke, die sie noch trug, und flog zurück nach Deutschland.

Vom Düsseldorfer Flughafen schlug sie sich irgendwie bis Bochum durch und stand dann am 17.11. bei uns vor der Tür. Da sie nie eine Geburtsurkunde besessen hatte und ihren Geburtstag auch nicht kannte, haben wir diesen Tag kurzerhand zu ihrem Geburtstag erklärt und er wird bis heute an dem Tag gefeiert.

Ich habe damals sehr viel Zeit mir ihr verbracht. Sie konnte weder lesen noch schreiben und ich machte es mir zur Aufgabe, ihr das nachmittags in der Sonne auf dem Hof sitzend beizubringen. Schließlich fühlte ich mit meinen acht Jahren als abgeklärt Veteranin auf dem Gebiet. Sie brachte mir im Gegenzug einfach Sätze Arabisch bei. Ich spreche bis heute kein Arabisch und Aicha kann immer noch nicht richtig lesen, sich aber dafür auch heute noch prächtig über die Ernsthaftigkeit amüsieren, mit der ich damals den Unterricht anging.

Noch viel schöner aber war das gemeinsame Kochen. Meine Mutter, eine hervorragende Köchin, warf mich meist ziemlich schnell wieder aus der Küche, genervt von meinen linken Händen und meiner absoluten Unfähigkeit auf dem Gebiet. Bei Aicha durfte ich stundenlang Couscous kneten, alles probieren, was irgendwo rumstand und dabei jede Menge Chaos anrichten.

Und ich bekam Barel (Fachkundige mögen mich bitte korrigieren, ich hab keine Ahnung, ob das der korrekte Name ist) bis zum Platzen vorgesetzt. Pfannkuchen, bei denen in der Pfanne kleine Löcher aufplatzen, die anschließend mit jeder Menge Honig wieder versiegelt werden müssen.

Nach dem Essen malte sie mir oft die Hände mit Henna an, was dazu führte, daß die Kinder in der Grundschule mir nicht mehr die Hand geben wollten und meine eher konservative Oma endgültig die Hoffnung auf eine gesittete Zukunft für ihre Enkelin aufgab. Erst diese antiautoritäre Erziehung und dann auch noch das. Aber ich liebte es. Ich liebte eigentlich alles an Aicha. Ihre fremde Musik und ihre ungewohnte Art zu tanzen, ihr schweres Parfum, die gefärbten Hände, den Akzent, den sie nie losgeworden ist und vor allem ihr Lachen. Sie lacht zum Glück heute noch genauso ausgelassen. Und sie sagt auch heute noch: "Ahh, schönes Frau muß haben Huften und Hintern. Dünn nix gut. Muß wackeln bei Tanz."

Vielleicht ist ein marokkanisch gewürzter Ausflug nach Köln mit Couscous und Pfannkuchen genau der richtige Ausgleich zu der eher förmlichen Hochzeit meines Bruders, bei der die Hände ungefärbt sind, das Essen nicht ganz so fett und beim Walzer höchstens der Bräutigam wackelt.

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