Der standesamtliche Teil des Hochzeitswochenendes ist erfolgreich überstanden. Wir sind tatsächlich pünktlich gekommen, obwohl die Braut normalerweise dafür bekannt ist, jegliche Verspätung bis 30 Minuten für "wunderbar pünktlich" zu halten. Die Beteiligten konnten sich zum Glück alle ausweisen und haben an der richtigen Stelle "Ja" gesagt. Die Mütter sind nicht in Ohnmacht gefallen, die Wolkendecke riß im entscheidenden Moment auf und der Champagner war gut gekühlt.
Leider laufen die Vorbereitungen ansonsten nicht ganz so reibungslos. Gestern stellte man fest, daß es an einer Stelle in die Festscheune regnet. Also beschloß mein Vater, gegen Abend noch Supermann zu spielen und aufs Dach zu klettern, um die undichte Stelle auszubessern. Er übersieht bei solchen Gelegenheiten allerdings ganz gern, daß er nicht mehr der agile Jungbauer ist, der er vor 30 Jahren mal war, sondern heute nur noch zwei Mal im Jahr mit dem Trecker um den Hof tuckert und sich ansonsten als Schreibtischhocker betätigt.
Dafür hat er sich dann aber doch ziemlich reaktionsschnell noch einen Moment halten können, als er durchs morsche Dach brach. Und er hat sich auch sehr geschickt fallen lassen und so vermutlich Schlimmeres als den blauen, geschwollenen Fuß verhindert. Natürlich brach heute der alte bäuerliche Starrsinn wieder durch, als er sich weigerte, den Fuß noch eben untersuchen zu lassen.
Wir haben alle nicht auf einen Arztbesuch bestanden, um uns den halbstündigen Monolog darüber zu ersparen, daß man früher auch nicht bei jedem Wehwehchen usw. (Ihr wißt schon, damals, als man noch fünf Kilometer ohne Frühstück barfuß durch den Schnee zur Schule laufen mußte.) Vermutlich kommt ihm das Leiden ganz recht. Nur so kann er sich vorm Tanzen drücken, ohne sich der Empörung meiner Mutter aussetzen zu müssen.
Der Rest des Tages war mit den üblichen, hektischen Vorbereitungen der letzten Stunden ausgefüllt. Ich wurde mit einer langen Einkaufsliste losgeschickt und hatte so das Vergnügen, durch Wattenscheids einzige Einkaufsstraße zu bummeln. Dabei brach meine großstädtische Überheblichkeit durch, bloß um Minuten später von tiefer Scham abgelöst zu werden.
Ich spottete innerlich böse über all die schnauzbärtigen, fetthaarigen Menschen mit den tätowierten Armen, dem Bierbauch und den Fußball-Fan-Trikots. Am liebsten sind mir die mit einem Schalke-Shirt über der Ballonseidenhose. Ha, wie kann man nur so rumlaufen! Mit einem T-Shirt seines Fußballclubs ... Alles Abziehbilder, wandelnde Witzfiguren, ein einziger schlechter Film.
Dann aber blieb ich vor einem Schaufenster stehen, sah mein Spiegelbild in der Scheibe und mußte feststellen, daß ich ein St.Pauli-Shirt trug. Immerhin in quietschrosa und mit dem "Retter"-Schriftzug darauf, aber dennoch ganz eindeutig ein Fußballclub-Shirt; Kult hin oder her. Den Rest des Weges habe ich gesenkten Hauptes zurückgelegt. Manchmal finde ich mich selbst einfach unerträglich peinlich.

Da mußten die Brautleute heute durch ...

... und da müssen die Gäste morgen rein.
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