Solange ich selbst ausreichend Abstand zum Pott habe, versuche ich immer wieder gern ignoranten Hanseaten, die nicht mal davor zurückschrecken Bochum mit kurzem "o" auszusprechen, die Schönheit des Ruhrgebiets in blumigen Schilderungen näherzubringen. Oder zumindest ihre Vorurteile abzubauen, damit ich nie wieder Dinge hören muß wie: "Und, ist die Luft hier nicht viel schöner?" Und besonders gern in brrroidestem Honseoddisch vorgetragen: "Oh, du kommst aus dem Pott? Das hört man gar nicht mehr. Warst du auf einer Sprachschule?"
Ich berichte also in feinstem Hochdeutsch (so fein, daß sich besonders niederträchtige Mitmenschen gerne auch darüber amüsieren) von den lauschigen Ruhrauen und den gar nicht rußigen Städten mit ihren begrünten Müllhalden, die von den reizend schrulligen und überwiegend "ledschings"-tragenden Bewohnern gerne Monte Schlacko getauft werden. Von den schnuckeligen alten Bergmannssiedlungen, den tollen Industriedenkmälern (und verweise die Netzhanseaten immer wieder auf die beeindruckenden Fotos beim "anderen Hebig") und dem großen kulturellen Angebot.
An einer Sache verzweifle ich jedoch jedes Mal: an Gelsenkirchen. Gelsenkirchen ist selbst für überzeugte Ruhrpöttler nur die-Stadt-deren-Name-nicht-genannt-werden-darf. Eine triste Siedlung, die mit ihren Arbeitslosenzahlen den Osten wie ein Paradies mit Vollbeschäftigung aussehen läßt. Ein Ort, den man am besten nur mit geschlossenen Augen durchquert. Das Waterloo, dessen Straßenzüge sich als tiefe Falten in die Gesichter etlicher Arbeits- und Sozialminister eingegraben haben.
Und ausgerechnet dorthin, ins Niemandsland, mußte Herr Schulte ziehen. Klar, die Lebenshaltungskosten lassen sich auch jenseits der polnischen Grenze nicht unterbieten und wenn man auf schlecht ondulierte Frauen in viel zu knappen Outfits steht, dürfte man von einem visuellen Orgasmus zum nächsten taumeln. Und Herr Schulte gibt sich wirklich Mühe, mich von den nicht ganz so offensichtlich in Lycra gepreßten Reizen seiner neuen Heimat zu überzeugen. Aber dennoch ...

Direkt neben seiner neuen Bleibe sieht es genau so aus, wie man sich Gelsenkirchen immer vorstellt. Neue Möbel sogar günstiger als bei Sofa2000 oder wie auch immer die Eiche-rustikal-Ableger von Ikea in diesem Winkel heißen.

Und plötzlich wird klar, warum die Frauen alle so … sonderbar frisiert wirken. Hier wird Frauchen gleich mitbehandelt. Handwerk bleibt Handwerk.

Dieses Schild wiederum hätte mich fast mit der gesamte Stadt versöhnt ...

… hätte man mir nicht dieses Abendessen serviert.
Dank Rösle, der Firma für den modernen, stilbewußten Menschen, der eh keine Zeit und kein Talent zum Kochen hat, aber dennoch dringend den Eindruck erwecken möchte als hätte er beides, kann Herr Schulte solche Gelegenheiten in Zukunft mit reichlich Dekadenz meistern. Rösle hat nämlich speziell für Gelsenkirchner den "Pommespicker" für unterwegs entworfen. Eine ordinäre Pommesgabel aus Alu in passendem Gehäuse. Zum Pommes von der Schlachterplatte stibitzen oder Räuber abwehren.
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