Man merkt, daß man in Berlin ist, wenn man morgens auf der Straße die Hinterlassenschaften seines Hundes wegräumt und dabei von einer Frau angesprochen wird, die ihren kleinen, unwilligen Sohn im Schlepptau hat: "Machense das häufiger?" - "Ja, mehrmals täglich." Daraufhin murmelte die Frau etwas, tippte sich demonstrativ an die Stirn und zog ihr Kind eilig weg. Ich fürchte, ich bin für diese Stadt falsch konditioniert.
Gestern abend dann irgendeins der zahllosen Sommerfeste mit wirklich guter kostenloser Verpflegung und lauter wichtigen Menschen, die sich an Bar und Buffet drängeln. Vor allem im Gedränge an der Cocktail-Bar kamen die Wartenden schnell in Kampfstimmung. Will der sich da etwa vorschummeln? War das nicht grad schon mein Cocktail? Trotz des wenig sommerlichen Wetters gerieten die Menschen auf beiden Seiten der Bar bald ins Schwitzen.
Wirklich laut wurde es aber erst, als sich von hinten ein großer, dicker Mann mit Verheugen-Lip-Design ins Getümmel warf. Erst telefonierte er demonstrativ: "Ja, gleich morgen ... Dann buchen Sie mir den verdammten 11-Uhr-Flug nach Algier. Jaaahaaa, Algier ... Und sorgen Sie bloß dafür, daß ich in dem verdammten Hotel auch die EM gucken kann ... Natürlich auch Frauen." Als er die Worte buchen und Frauen verdächtig häufig in engem Zusammenhang benutzte, wurden die Umstehenden hellhörig und versuchten es mit dem bösen Blick.
Vergeblich. Mr. Verheugen-look-alike nutzte sein Kampfgewicht, um eine Bresche zu schlagen und bestellte über die Köpfe der anderen hinweg zwei Pina Coladas (was auch sonst). Jetzt hörte man vereinzelt wütendes Gebrummel und irgendwo aus der Menge ein "fetter Perversling". Die zierliche Dame neben mir mit der Perlenkette zum Escada-Kostüm ereiferte sich in weitaus gesetzteren Worten.
Doch der Mann kannte keine Grenzen. Die des guten Geschmacks bekanntlich sowieso nicht. Er griff sich seine Cocktails und brüllte triumphierend mit hartem, deutschem Akzent in die Menge: "Se winna takes it all!" Jetzt wandelte sich die Masse Mensch in einen Mob und war bereit zur Lynchjustiz. Aber niemand formulierte es so hübsch wie die zierliche Escada-Frau, die sich dank ihrer klaren Dozentinnen-Artikulation auch ohne Körpermasse Gehör verschaffte: "Bedauerlich, daß man in Algier dazu tendiert, nur Franzosen zu enthaupten."
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