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2004-06-21 - 19:21 - Wenn möglich, bitte laufen

Ich kann mich nie so recht entscheiden, ob ich Berlin nun irgendwie doch ganz spannend oder einfach nur fürchterlich finden soll. Als ich heute morgen ohne Kaffee stundenlang im Stau stand und mich dann auch noch von Bauarbeitern anmachen lassen mußte, fand ich Berlin zum Weglaufen. Als ich gestern mit meinem Cousin durch die Stadt lief, dessen Hirn die unglaublichsten Geschichten, Fakten und reizendsten Nebensächlichkeiten aufzubewahren scheint, oder als ich vorgestern im strömenden Regen im Grunewald verloren ging, da fand ich Berlin irgendwie doch ganz charmant (aber man hätte mir trotzdem vorher sagen dürfen, daß der Grunewald nicht nur so heißt, sondern tatsächlich aussieht wie ein richtiger Wald, Wildsauen auf vier Beinen inklusive, und daß Menschen mit dem Orientierungssinn einer toten Kuh darin problemlos für Tage verschwinden können).

Und Berlin hat einen ähnlichen Vorteil wie Gelsenkirchen: Ich kann morgens völlig verkatert und ungekämmt auf der Suche nach frischem Kaffee mit dem Hund vor die Tür gehen und hebe mich immer noch positiv von der Masse der Joggingbehosten mit Marmeladenfleck auf dem ausladenden Bauch ab. Das gilt hier zwar, anders als etwa in Gelsenkirchen, nur für bestimmte Stadtteile, aber erholsam war es trotzdem.

Aber ich fände es in jedem Fall extrem hilfreich, wenn mein Navigationssystem für innerstädtische Fahrten einen speziellen Beruhigungsmodus hätte: "Regen Sie sich jetzt bitte nicht auf. Der Mensch vor Ihnen meinte das nicht so. Er kann nicht anders, er ist Berliner. Und ärgern Sie sich nicht über die gesperrte / verbaustellte Straße, fahren Sie einfach die nächste links oder die übernächste oder wann auch immer es mal wieder geht. Und regen Sie sich bitte nicht auf." Aber nein, statt dessen nur "wenn möglich, bitte wenden" und ein steigender Aggressionspegel meinerseits wegen absoluter Wendeunmöglichkeit auf Kilometer hinaus.

Über diesen Punkt weit hinaus dürfte der Troß an schweren Jungs auf noch schwereren Bikes gewesen sein, der mir gestern irgendwo auf einer breiten Straße auf dem Weg nach Friedrichshain entgegenkam. Etwa acht von ihnen fuhren verdammt eng zusammen, über zwei Spuren hinweg und mit mindestens 80 auf eine Blitzanlage zu. Im entscheidenden Moment nahmen alle die Hände vom Lenker und ließen sich mit ausgestreckten Mittelfingern ablichten.

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