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2004-06-29 - 23:49 - Der Kulturfrotteur (und gibt es die Frotteuse?)

Ich sitze hier seit geraumer Zeit und versuche eine Kurzbiographie zu schreiben. Meine Kurzbiographie. Und weil das gar nicht so einfach ist, blogge ich lieber. Bloggen geht zwar auch nicht immer, aber immer dann, wenn man eigentlich andere, drängendere, komplizierte Dinge tun sollte. Dinge wie der Vermieterin am Telefon mal richtig die Meinung sagen, sich mit seinem Kontostand auseinandersetzen oder eben eine Kurzbiographie schreiben. Bei so einer Biographie fällt einem nämlich wieder mal auf, daß das eigene Leben erstaunlich wenig hergibt dafür, daß man die 30 erreicht hat.

Zumindest gibt es nichts von dem her, von dem man früher immer diese diffuse Vorstellung hatte, das eigene Leben müßte all diese Dinge mit 30 hergeben. Einen Doktortitel etwa, oder einen Job in New York und Körbchengröße C. Und es hat auch nichts von dem, was das Leben der Altersgenossen so aufweist. Bausparverträge, Ehemänner und Zweitwagen (oder immer noch den alten Wagen, aber dafür den zweiten Ehemann). Auf letzteres hat man bewußt verzichtet, ersteres ist einem so durch die Finger geglitten, weil man zu sehr mit sich selbst beschäftigt war, während sich andere die Selbstanalyse als nettes Hobby für die Zeit nach der Karriere aufgespart haben.

Was schreibt man also, außer vielleicht noch den allernacktesten Fakten, wenn man die Kurzbiographie nicht zu einem schlichten Lebenslauf verkommen lassen will. Was erwähnt man, wenn die aktuelle Tätigkeit so gar nichts mit dem Studium zu tun hat ("Kind, willst du das alles einfach so wegwerfen, das gute Studium")? Was ist wichtig, wenn man das Gefühl hat, das halbe Leben damit verbracht zu haben, mit sich selbst zu ringen? "Heitere Kindheit auf dem Bauernhof, vom Tag der Einschulung an ging es systematisch bergab. Probandin entwickelt sich aufgrund frühkindlicher Indoktrination schlecht in autoritären Systemen."

Ein Freund empfiehlt, vor allem die Jahre im Ausland hervorzuheben. USA, Afrika, Schweiz. Klingt gut und hat mich sicher sehr geprägt. Aber dabei entsteht fast immer ein falscher Eindruck. Die Menschen glauben gerne, ich sei unglaublich mutig, so früh schon ganz allein ins Ausland zu gehen. Und dann auch noch nach Afrika. In den Busch. Isjaallerhand. Dabei erschien mir das damals wie heute ganz natürlich. Ich bin einem Instinkt gefolgt, der mich wegtreibt aus meiner angestammten Umgebung. Mit Mut hat das nichts zu tun.

Manche brauchen die Sicherheit eines bekannten Umfelds, ich brauche diesen Überfluß neuer Eindrücke. Ich finde viel leichter zu mir und zu dem, was mir wirklich wichtig ist, wenn ich mich an einer völlig fremden Kultur reiben kann. (Das wird eine tolle Kurzbiographie: "Reibt sich gern am Fremden.") Es scheint, als müsse ich erst möglichst viel ansammeln, um hinterher besser aufräumen zu können. Mutig wäre es, zuhause zu bleiben, Verpflichtungen einzugehen und nicht mehr auf das Gefühl angewiesen zu sein, jederzeit seine Zelte abbrechen zu können.

Mutig wäre es auch, endlich diese verdammte Kurzbiographie zu Papier zu bringen, statt ellenlange Blogeinträge zu verfassen. Aber daraus wird heute nichts mehr. Ich nehme jetzt lieber meinen Atlas mit ins Bett und such mir einen neuen Platz für meine Zelte. Nur so, prophylaktisch. Falls mich die Angst packt.

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