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2004-07-01 - 19:23 - Wie die Frau zur Feuerwehr kam

Ich mußte bei den Hochzeitsvorbereitungen für meinen Bruder ein wenig im Fotoarchiv der Familie wühlen und bin bei der Gelegenheit auf ein uraltes, leicht verstaubtes Fotoalbum meiner Mutter gestoßen. An die skurrilen Fotos aus den 70ern konnte ich mich noch gut erinnern: Meine Mutter mit Riesenbrille im viel zu kurzen Kleid in einer Wohnlandschaft aus rundlichen, weißen Plastikmöbeln auf orangefarbenem Flokatiteppich. Aber dieses eine Fotoalbum ist noch viel älter, Jahrgang 59, und drohte schon, in Vergessenheit zu geraten.

Dazu aber ist es viel zu unterhaltsam und die Geschichte illustriert wieder mal, warum ich in dieser Familie gar keine Chance hatte, völlig normal zu werden. Außerdem habe ich es unter Einsatz meiner körperlichen Unversehrtheit aus dem Haus geschmuggelt, denn meine Mutter würde es vorziehen, dieses wertvolle zeitgeschichtliche Dokument ihrer Fräuleinwunderphase unter Verschluß zu halten. Und weil ich noch viel zu jung bin, um mich in großväterlicher Manier im Sessel zurückzulehnen und alte Kamellen zu vertellen, blogge ich vom harten Küchenstuhl aus. Strafe muß sein.

Meine Mutter ist in einem wirklich sehr kleinen Dorf mit gerade mal 150 Einwohnern irgendwo in Niedersachsen aufgewachsen. Mit allen Details, die freies Assoziieren zu diesem Thema so hergibt: viel Arbeit auf dem elterlichen Hof, Mitgliedschaft in der Landjugend und dem Fest der Freiwilligen Feuerwehr als gesellschaftlichem Höhepunkt des Jahres. Ihr Vater, ihr Bruder, die Brüder ihrer Freundinnen, alle waren damals in der Freiwilligen Feuerwehr. Das war genauso selbstverständlich wie es die Mitgliedschaft im Golfclub für Schönheitschirurgen heute ist.

Aber genau darin lag auch das Problem, denn diese Selbstverständlichkeit war Männern vorbehalten. Frauen wurden damals nur in ihrer Eigenschaft als gute Köchinnen geschätzt und waren höchstens gefragt, wenn es um die Vorbereitung diverser Feierlichkeiten ging. Zum Leidwesen ihres gesamten Umfeldes hatte meine Mutter aber schon 1959, im zarten Alter von 18 Jahren, wenig Verständnis für das herrschende Ideal von der dienenden Rolle der Frau als fürsorgliche Gattin und Mutter. Kuchen backen für Männerfeste entsprach so gar nicht ihrer Vorstellung von Spaß.

Also beschloß sie, die Tradition zum Teufel zu jagen und gründete eine Freiwillige Damenfeuerwehr (damals, als auch unliebsame Frauen noch Damen waren) - nicht ahnend, daß sie damit nicht nur die Dorfältesten verärgern, sondern auch das Interesse der gesamten Boulevardpresse im In- und Ausland auf sich ziehen würde. Es stellte sich nämlich schnell heraus, daß ausgerechnet diese Truppe die erste ihrer Art in Deutschland und vermutlich auch in ganz Westeuropa war.

Feuerwehr5.jpg
(die dritte Sitzende von links ist die Chefin der Umstürzler)

Zuerst kamen die Zeitungen aus der Umgebung in das kleine Dorf Weferlingsen, dann folgten die großen Illustrierten und bald meldeten sich die ersten Fans. Jemand lud die ganze Gruppe für eine Woche in den Schwarzwald ein (Begleitung durch die Yellow Press natürlich inklusive) und irgendein verrückter Engländer schrieb eine eigene Hymne für die Frauen. Mit dem Ergebnis, daß man sie in der Gegend um Weferlingsen heute noch mit ihrem Mädchennamen anredet und meinen Vater nur als "den Mann von" kennt.

Feuerwehr3b.jpg
(fast 50 Jahre später wirkt so eine Minirevolution erstaunlich altbacken)


Feuerwehr4.jpg


Ich habe fast ein wenig Mitleid für den alten Seniorchef der Freiwilligen Feuerwehr in Bochum, der kürzlich in Gegenwart meiner Mutter lautstark verkündete, Frauen hätten bei der Feuerwehr nichts zu suchen. He never knew what hit him. Aber diesen Fehler wird er bestimmt so schnell nicht wieder begehen.

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