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2004-07-06 - 02:27 - Mit Hut ins Horner Moor

Der Galoppsport gehörte früher zu den populärsten Sportarten in Deutschland - irgendwann vor den Weltkriegen. Damals schleppten Familienväter ihren Anhang am Sonntag auf die Rennbahn, um zu sehen wie kleine Männer in bunten Outfits auf eleganten Vollblutpferden zwei Minuten lang über den Turf jagen. Heute schleppen sie ihren Anhang statt dessen zu Autorennen, um zu gucken wie kleine Männer in bunten Outfits mit etlichen Pferdestärken, die nicht minder sensibel und störanfällig sind wie die Vollblutvorbilder, anderthalb Stunden über den Asphalt jagen.

Zum Glück gibt es auch heute noch Familien, die sich sonntags mit Kind und Klappstuhl Richtung Rennbahn bewegen, sonst würden Veranstaltungen wie das Derby in Hamburg wohl längst der Vergangenheit angehören. Und gerade gestern mußte man neben dem Klappstuhl schon eine gewisse Leidenschaft mitbringen, um trotz winterlicher Temperaturen und gepflegtem Weltuntergangsregen (den hartgesottene Hanseaten weiterhin unerschrocken als Sommer anpreisen) Spaß an dem Spektakel zu haben.

Ich habe mir in den letzten Jahren beides angesehen, Pferde- und Autorennen, und finde Pferderennen, zumindest live, wesentlich interessanter, nicht zuletzt weil man Pferde und Reiter aus unmittelbarer Nähe bewundern kann. Aber natürlich auch des schnöden Glücksspiels wegen. Selbst wenn man nicht wettet oder notorisch verliert und eh nur Kleinstbeträge einsetzt, kann man sich der allgemeinen Wettaufregung unmöglich entziehen.

Überall sieht man sie sitzen, die Fachkundigen mit ihren Galoppsportzeitungen auf dem Schoß. Sie gehen die letzten Rennen der Starter durch, diskutieren deren Abstammung, die Festigkeit des Bodens (der gestern Sumpfqualität aufwies wie man es angeblich seit 1931 nicht mehr erlebt hat, die Pferde wirkten beim Laufen als würden sie von Gummibändern zurückgehalten und gewonnen haben nicht die Favoriten sondern die "Sumpfhühner") und die Fähigkeit der einzelnen Pferde mit dem jeweiligen Boden umzugehen. Der angestrengt konzentrierte Gesichtsausdruck, den sie beim Ausfüllen der Wettscheine aufsetzen, wird sie erst nach dem Rennen wieder verlassen. Wenn die Quoten offiziell sind und man die eigene Gewinn- und Verlustrechnung im Kopf überschlagen hat.

Die meisten Zuschauer wetten nur so zum Spaß und weil es nun mal zum Erlebnis Galopprennen dazu gehört. Aber es gibt auch die Profiwetter und die Wettsüchtigen, die innerhalb weniger Minuten das Jahreseinkommen einer deutschen Durchschnittsfamilie gewinnen oder verlieren. Oder auch Summen aufs Spiel setzen, die noch weit darüber liegen, und die sich in wenigen Minuten den Champagner, an dem sie sich gerade festhalten, nicht mehr leisten können. Natürlich bleiben die wahren Dramen hinter den Kulissen verborgen, aber die generelle Anspannung ist deutlich zu spüren und zumindest in meiner Phantasie erzählt jeder zerknitterte Wettschein in der schweißnassen Hand und jedes gequälte Gesicht eine dramatische Geschichte.

Der Reiz der Rennbahn liegt aber natürlich auch im Promi-Gucken, vielleicht gerade weil die Prominenz zur Abwechslung nicht tief dekolletiert, sondern gut behütet erscheint. Man sieht zwischen all den ausladenden Damenhüten mit Obstplantage als Deko sogar vereinzelt Herren, die Bowler tragen. Aber die Besucher des VIP-Zelts sind beim Derby auch nur selten RTL-Soaps entlaufen, sondern tragen meist Adelstitel mit dem richtigen Maß an Patina, den Namen einer hanseatischen Handelsdynastie oder bekleiden mehr oder weniger wichtige Ämter in Wirtschaft und Politik (plus eine mitgebrachte Bloggerin).

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(Diese drei Damen haben vermutlich noch nie das VIP-Zelt von innen gesehen, gehören aber längst zum Inventar des Derbys und bezaubern jedes Jahr mit gewagten Hutkreationen aus der eigenen Werkstatt. Meine ganz persönlichen Favoriten.)

Entsprechend begehrt sind die blauen Plastikarmbänder, die den Eingang ins VIP-Zelt ebnen und den Träger vom Currywurstesser in den Stand eines Luxusgeschöpfs heben, das mit Champagner, Krabben und vor Ort zubereitetem Sushi versorgt wird. Und selbst hier gibt es feine hierarchische Unterschiede, denn wer ins Zelt des Hauptsponsors BMW darf, hat noch lange nicht Zugang zum wesentlich exklusiveren Empfang eines ebenfalls als Sponsor auftretenden Bankhauses. Die Superpromis haben am Ende des Renntages so viel Plastik zwischen den Diamantarmbändern baumeln, daß der Armschmuck schon verdächtig an die Freundschaftsarmbänder eines gewissen Zottelbarden erinnert.

Aber der eigentliche Charme solcher Veranstaltungen in Hamburg liegt darin, daß es auch den Feinsten unter den VIPs unmöglich gemacht wird, "unter sich" zu bleiben. Man muß sich geduldig zusammen mit den Besuchermassen an Schnitzelbuden vorbeischieben, wenn man vom Zelt zur Tribüne will, um die Rennen zu verfolgen und alle waten durch denselben Schlamm, wenn sie zum Führring gehen, wo die Pferde dem Publikum unmittelbar vor dem Rennen präsentiert werden.

Am Führring selbst ist es dann wieder vorbei mit der klassenlosen Gesellschaft, denn die normalen Besucher stehen auf der einen Seite des Zauns und die Züchter, Pferdebesitzer, Jockeys und Damen mit Hut stehen innen auf dem Rasen. Das wiederum erleichtert es den Außenstehenden ungemein, die Ansammlung in Ruhe zu begutachten und ebenso kritisch zu beurteilen wie die vorgeführten Pferde. "Ganz schön kräftige Beine." - "Wer, die 10?" - "Nein, die Frau mit dem roten Hut."

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Im Inneren des Führrings ist die Anspannung in den letzten Minuten vor dem Rennen wie ein elektrisches Kribbeln zu spüren. Hier sind diejenigen versammelt, die nicht nur das Äquivalent eines Hauses in bester Alsterlage in ihre Pferde investiert haben, sondern auch ihr gesamtes Herzblut, ihre Zeit und Energie. Der Ausgang des Rennens ist ein Zeugnis über ihren Erfolg oder Mißerfolg als Züchter oder Trainer. Vor allem der Ausgang des Derbys selbst kann die Hoffnung von drei Jahren zunichte machen oder ein Gestüt in den Olymp heben.

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Fußball habe ich übrigens am Ende eines langen Tages auch noch geguckt - mit Marc in einem spanischen Restaurant im Portugiesenviertel mit Holländern am Tisch. Die Elfe war auch vor Ort. Nach dem Spiel haben wir zusammen Ouzo getrunken und den zahllosen Menschen mit portugiesischen Flaggen beim Sirtaki tanzen zugesehen. Diese Ausgelassenheit ist genau das, was dem Derby noch fehlt. Aber vermutlich täte sie weder den Hüten noch dem hanseatischen Selbstverständnis gut.

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