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2004-07-07 - 14:02 - Ausgesperrt

Ich fürchte, auf meiner Wohnung lastet ein Fluch, der fortschreitenden Zerfall mit sich bringt (den Fluch könnte natürlich meine Vermieterin mit ihrer Knauserigkeit auf das gesamte Haus gezogen haben). Und wie immer zeigen sich die Verfallserscheinungen zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Am Wochenende etwa. Oder gerne auch mitten in der Nacht.

Gestern hab ich gegen eins eine letzte Runde mit dem Hund um den Block gedreht. Die Wohnungstür hatte ich natürlich ordnungsgemäß verschlossen, denn andernfalls läßt sie sich binnen Sekunden mit einer Scheckkarte öffnen. Ich wüßte zwar nicht, wer ein Interesse daran haben sollte, sich um die Zeit in meiner Wohnung umzusehen, aber der gemeine Großstadtbewohner zeichnet sich bekanntlich durch ein gesundes Maß an Paranoia aus.

Zehn Minuten später stehe ich wieder vor meiner Wohnungstür, stecke den Schlüssel ins Schloß und ... nichts passiert. Der Schlüssel paßt, aber er läßt sich nicht einen winzigen Millimeter bewegen. Vor der Tür stehen dreckige Gummistiefel, es handelt sich also ganz eindeutig um die richtige Tür. Ich ruckle mit dem Schlüssel, ruckle an der Tür, beschwöre sie, verfluche das verdammte Ding, malträtiere sie mit Fußtritten, aber nichts tut sich. Gar nichts.

Nachdem mein Vorrat an Obszönitäten erschöpft ist, fange ich an, mir über mögliche Alternativen Gedanken zu machen. Man könnte natürlich den Schlüsseldienst rufen. Da fängt mein Handy auch schon an zu klingeln - auf der anderen Seite der Tür. Ich wollte ja nur noch mal kurz mit dem Hund raus, wozu brauche ich da ein Handy. Das Klingeln hört auf und wird durch das Festnetzklingeln ersetzt.

Mein Anrufbeantworter springt an und verhöhnt mich: "Ich bin im Moment leider nicht zuhause ..." Nein, Du Drecksding, ich stehe vor meinem Zuhause. Dann ertönt eine wohlbekannte Stimme: "Schade, wahrscheinlich liegst du schon im Bett." Und mir wird klar, daß das Bett wohl noch eine ganze Weile auf mich warten muß.

Denn ausgerechnet an diesem Abend sind selbst meine lärmigen Nachbarn, die sonst nur zu gerne um diese Zeit noch mal ihre Lieblingsschlager über den Hinterhof trällern, früh ins Bett gegangen. Mittlerweile ist es 1:30 Uhr und eine offene Kneipe zu finden in meiner bürgerlichen Wohngegend Glückssache. Immerhin regnet es zur Abwechslung mal nicht und man muß bekanntlich für die kleinen Dinge dankbar sein.

Aber trotz ernsthaften Bemühens will sich Dankbarkeit nicht so recht einstellen, als ich eine weitere Runde um den Block schleiche. Zum Glück treffe ich nach zehn Minuten einen anderen Hundebesitzer auf nächtlicher Mission. Einen, der klug genug war sein Handy mitzunehmen. Erste Anflüge von Dankbarkeit. Da keiner von uns die Nummer der Auskunft kennt, ruft er seine Frau an, die wiederum die Gelben Seiten konsultiert. Dann wird endlich der Schlüsseldienst gerufen.

Der Hund kann zwar nicht verstehen, warum wir vor der Tür sitzen bleiben, aber er fügt sich schließlich in sein Schicksal und schläft schon mal auf meinem Schoß ein. Ich würde gerne weinen, hab aber keine Taschentücher dabei und kratze daher zwecks Ablenkung fluchend mit dem nutzlosen Schlüssel den Dreck aus den Rillen meiner Gummistiefel. Gegen 2:15, inzwischen habe ich ein beachtliches Häufchen Alstererde im Hausflur angehäuft, trifft ein frohgemuter Mensch vom Schlüsseldienst ein.

Um 2:18 Uhr ist der Frohsinn von seinem Gesicht gewichen und um 2:20 hat er diesen besorgten Handwerkerausdruck aufgesetzt, den ich in den letzten Monaten fürchten gelernt habe. Er sagt zwar nicht "Ohoh", aber dafür "Verdammt" und "Es wäre einfacher, diese morsche Tür gleich einzutreten." Letzteres verbietet ihm leider seine Berufsehre, also macht er sich an dem Schloß zu schaffen. Und das dauert. Ich halte derweil den Hund davon ab, in seinen vorgereckten Hintern zu beißen.

Um 2:40 ist die Tür immer noch fest verschlossen. Im Schloß ist irgend etwas abgebrochen, das sowohl die Tür verriegelt als auch das Schloß selbst fest an Ort und Stelle hält. Vielleicht doch einfach eintreten? Nein? Um drei Uhr hat er das Schloß endlich entfernt und den Weg in meine Wohnung freigemacht. Leider wird er auch zumindest für den Rest der Nacht noch frei bleiben, denn das Schloß ist unbrauchbar und Ersatz um diese Uhrzeit nicht zu beschaffen. Im übrigen ist die Befreiungsaktion auch ohne neues Schloß schon teuer genug.

Und ganz offensichtlich hatte im Laufe der unruhigen Nacht niemand Interesse daran, in meine Wohnung zu spazieren und mich zu ermorden. Ich wünschte nur, ich hätte eine Vorliebe für weniger blutrünstige Bücher. Dann könnte ich auch mit offener Tür gut schlafen. Große innere Ruhe ist in diesem Haus ohnehin von Vorteil.

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