Vor ein paar Tagen rief mich ein alter Freund aus Studientagen an, von dem ich schon viel zu lange nichts gehört hatte. Andererseits ist gerade das auch das Schöne an unserer Freundschaft: Wir können mal untertauchen, uns erst nach längerer Zeit wieder melden und uns dann über das Wiederaufleben ehrlich freuen, statt dem anderen Vorhaltungen zu machen. Und wir brauchen keine anstrengende, von Unwohlsein und langen Gesprächspausen geprägte Aufwärmphase, sondern fühlen uns gleich wieder zuhause miteinander.
Besagter Freund lebt seit einigen Jahren in Moskau und hat sich damit einen großen Traum erfüllt, den er seit einem Praktikum dort zu Studienzeiten hegte und pflegte. Er schlug natürlich gleich vor, ich solle ihn doch besuchen, aber entgegen meiner sonstigen Gewohnheit, jede Reisegelegenheit wahrzunehmen, zögere ich in diesem Fall. Moskau hat sich bei meinem ersten Besuch nämlich nicht als bereitwillige Geliebte erwiesen und ich fürchte, ich schmolle immer noch.
Ich wollte Falk während seines ersten Praktikums dort unbedingt besuchen und hatte nicht bedacht, daß mein Besuch mit der 850-Jahrfeier der Stadt Moskau zusammenfallen würde. Die meisten Hotels waren seit Monaten ausgebucht oder von vornherein pro Nacht teurer als mein Wohnheimszimmer im Monat. Falk selbst lebte in einem kleinen Zimmerchen bei einer Familie zur Untermiete (die Vermieterin übernachtete derweil in der Küche) und schied als Gastgeber aus.
Also wandte ich mich an den CVJM Hamburg, der nicht nur als Organisator von Rußlandreisen bekannt war, sondern auch Übernachtungen mit Familienanschluß vermittelte. In meiner grenzenlosen Naivität erlag ich prompt den zahlreichen Klischees über russische Gastfreundschaft, literweise Borschtsch und Vodka inklusive, und gab mich bereitwillig der Illusion hin, daß diese Form des Reisens sowieso besser ist als ein beliebiges Hotelzimmer - weil nämlich direkter, ungekünstelter. Man könnte auf diese Weise unmittelbarer etwas über die vielbesungene russische Seele erfahren.
Der CVJM hatte auch die Abholung vom Flughafen organisiert, da ich morgens ankam und Falk mich erst nach der Arbeit am frühen Abend bei meinen Gastgebern abholen konnte. Nach einer halben Ewigkeit beim Zoll empfing mich ein mürrischer Mensch mit meinem Namen auf einem Pappschild, dem ich mangels anderer Verständigungsmöglichkeit wild gestikulierend meine Reiseunterlagen mit der Adresse der Gastfamilie unter die Nase hielt.
Plötzlich wurde mir klar, daß ich mich zum ersten Mal in meinem Leben in einer Gegend aufhielt, in der ich weder mit Englisch noch mit Französisch weit kommen würde. Vielleicht hätte ich darüber früher nachdenken sollen (am besten bevor ich ratlos vor einem kyrillischen Straßenschild stand, das zu rein gar nichts auf meinem Stadtplan paßte). Aber die vielen Reisen, auf denen ich ganz allein bestens zurecht gekommen war, hatten mich übermütig werden lassen.
Wir fuhren vom Flughafen schweigend über schnurgerade Straßen von einer Plattenbausiedlung zur nächsten. Meine Zweifel an meinem genialen Reiseplan mit Familienanschluß wuchsen minütlich. Als wir an der x-ten Plattenbausiedlung abbogen, wünschte ich mir bereits ein kleines, anonymes Hotelzimmer im Stadtzentrum. Aber der Mann hielt inmitten der Hochhäuser, deutete auf ein beliebiges davon, stellte meinen Koffer auf die Straße und fuhr grußlos davon.
Es war mittags und die Gegend schien absolut ausgestorben. Mein Begrüßungskomitee bestand aus Wäschestücken, die aus den Fenstern flatterten und ein paar Grashalmen, die sich an einigen Stellen durch den Asphalt gebohrt hatten. Von irgendwoher wehte Musik. Ansonsten Schweigen.
In meinem Unterlagen stand, daß sich das Gastappartement im elften Stock rechts befände. Also schulterte ich meine Tasche und betrat das angegebene Haus. Noch bevor sich meine Augen an das Dämmerlicht im Hausflur gewöhnen konnten, hatte meine Nase bereits eine erste Bestandsaufnahme geliefert. Das Treppenhaus stank schlimmer als eine tschechische Autobahntoilette. Auf dem ersten Absatz entdeckte ich einen Kothaufen zwischen großen Mengen sonstigen Unrats.
Der Fahrstuhl schien als kollektiver Müllschlucker zu dienen und sah wenig vertrauenswürdig aus. Dann doch lieber zu Fuß. Als ich endlich mit Sack und Pack im elften Stock ankam und das richtige Appartement gefunden hatte, empfing mich ein kleiner schmuddelig-weißer, aus einem Notizbuch gerissener Zettel, der in die Türritze geklemmt war: "Lyssa, no room for you. Please go elsewhere." Ansonsten Schweigen. Auf mein Klopfen hin rührte sich im gesamten Stockwerk nichts.
Zum ersten Mal in meinem ganzen Reiseleben war ich völlig verzweifelt. Ich wollte in kein Hotel mehr, sondern direkt zurück nach Hamburg. So verloren hatte ich mich nicht mal gefühlt, als mich meine amerikanische Gastfamilie im Alter von 16 vier Tage vor Weihnachten vor die Tür setzte. In Kansas sprach man wenigstens eine Sonderform von Englisch und ich hatte Freunde, die mich zur Not unterbringen konnten. Bei Falk wäre selbst im Wandschrank nicht genug Platz gewesen.
Ich konnte ihn noch nicht mal von der unerfreulichen Planänderung in Kenntnis setzen. Er wollte sich nach der Arbeit telefonisch melden und mich dann bei der Gastfamilie abholen, und ich hatte noch keine Gelegenheit zum Geldwechseln gehabt, geschweige denn so was wie ein öffentliches Telefon entdeckt. Mir blieb nichts anderes übrig, als selbstmitleidig schniefend im stinkenden Treppenhaus zu sitzen, zu warten und mit der aufkommenden Panik zu ringen.
Einige Stunden und einen letzten Schokoriegel als Henkersmahlzeit später tauchte dann die ursprüngliche Gastgeberin auf - sichtlich geschockt davon, mich zerstrubbelt und mit verlaufenem Make-up auf dem Treppenabsatz vorzufinden. Sie wedelte wild mit dem Zettel und murmelte immer wieder hektisch "go elsewhere" und "here no room". Ich fühlte mich zunehmend wie Maria minus Niederkunftsabsicht, Esel und Josef.
Aber ich konnte nicht so einfach aufgeben und stellte mich hartnäckig vor die Wohnungstür der ungastlichen Frau. Schließlich mußte ich zumindest mit Falk telefonieren können und versuchte das mittels international verständlicher Telefongestik zu verdeutlichen. Meine Verzweiflung siegte über ihre, und ich durfte mich unter strenger Bewachung am Küchentisch niederlassen und auf den rettenden Anruf warten.
Falk schaffte es irgendwie, die Frau so sehr zu besänftigen, daß sie mir einen Tee anbot und mich noch zwei Stunden an ihrem Tisch ertrug, bis er mich bei einer Freundin von ihm unterbringen konnte. Und natürlich hat sich Moskau danach auch von seiner versöhnlichen Seite gezeigt, aber das "Please go elsewhere" hat mich sehr lange verfolgt.
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