Wieder in Berlin und immer noch kein Besänftigungsupdate für mein Navigationssystem. Dafür jede Menge sonderbarer Menschen auf der Straße. Wie etwa die alte Dame, die zwei Stallhasen an der Leine hinter sich herzog, was etliche Hunde (meinen eingeschlossen) um den Verstand und die Langohren beinahe ums Leben gebracht hätte. Lehrreich ist eine solche Reise natürlich auch. Ich wurde schon vor dem Frühstück Zeugin einer Zwangsräumung und durfte anschließend auf einem Zettel an der Nachbarwohnung herrlichstes Amtsdeutsch bewundern: "In der Zwangsvollstreckungssache X/Y habe ich heute den Schuldner aus dem Besitz dieser Räume entsetzt."
Wesentlich aufschlußreicher war allerdings die darauffolgende Begegnung, die mir die Lektüre diverser Studien über die Befindlichkeit unserer Jugend ersparen dürfte (und ganz nebenbei dafür gesorgt hat, daß ich mich heute entsetzlich alt fühle). Ich wartete auf den Hund, der seinen Kopf in ein Gebüsch vergraben hatte, das der Sitzgelegenheit nach zu urteilen wohl mal als minimalistischer städtischer Entspannungsraum gedacht war, aber dem Geruch zufolge nur noch von Hunden benutzt wurde.
Von rechts näherten sich zwei Mädchen, die ich auf ungefähr 18 schätzte. Kippe im Mund, farbenfrohes Make-up im Gesicht, Minihintern, bauchfrei mit Stein im Nabel und sorgsam darauf bedacht, mit den Stiletto-Sandalen nicht in Pfützen zu treten. Von links kamen zwei Jungs, vermutlich 16, ebenso mit Kippen ausgestattet, beide sicher sehr verzweifelte, aber treue Hautarzt-Patienten, und dank Baggy-Pants ganz ohne Hintern unterwegs. Die Teams schienen sich zu kennen, blieben aber 50 Meter voneinander entfernt zum Showdown stehen und brüllten lieber etwas lauter.
Jungs: "Yo."
Mädchen: "Yo. Was geht." (MTV läßt grüßen.)
Hinternloses Pickelgesicht 1 mit origineller Eröffnung: "Ey, bissu noch Jungfrau?"
Abfälliges Gekicher bei den Damen, dann erwidert eine der beiden vermeintlich 18jährigen: "Ey nee ey. Isch bin doch schon 14."
Pickelgesicht 2: "Und seit wann fickste?"
Minihintern 1: "Ey, seit ich 12 bin. Kannste den Murat fragen."
Minihintern 2: "Isch auch. Schon mit sechs Kerlen."
Die Testosteronfraktion wirft sich Blicke zu und macht anerkennende Schmatzgeräusche, bei denen einem leider die Kippe aus dem Mund fällt. Coolnessprüfung definitiv nicht bestanden.
Minihintern 2: "Und, bissu noch Jungfrau?"
Die Jungs sind jetzt auch zwischen den Pickeln rot, gucken aber weiterhin betont lässig. Dann erwidert der eine, der so aussieht als sei die faltige Wange seiner Großmutter das einzige, was er überhaupt schon mal geküßt hat: "Natürlisch nisch. Ischab vor zwei Monaten."
Der Zweite, im Eminem-Kapuzenpulli versinkend, eifert offensichtlich seinem Idol nach, sieht aber zugleich so aus, als müsse er mit seinem ersten Mal mindestens noch bis zum Erreichen der Volljährigkeit warten: "Ich hab sogar schon mal mit zwei Bitches." Ich falle fast ins Gebüsch vor Lachen.
Dann wird ein paar Häuser weiter ein Fenster geöffnet und der phantasievolle Austausch findet leider ein jähes Ende, als die Mutter von einem der beiden Pornohelden sich einmischt: "Hör auf meine Kippen zu rauchen und komm endlich wieder rein. Du mußt jetzt auf deinen kleinen Bruder aufpassen. Aber schnell."
Man verabschiedet sich mit mehreren "Yos" und stolziert in unterschiedliche Richtungen davon, in dem sicheren Gefühl, den eigenen sozialen Status erfolgreich verteidigt zu haben. Ich beschließe den Rest des Tages in stiller Dankbarkeit zu verbringen, weil ich den pubertären Wirren zu einer Zeit entronnen bin, als man mit 14 noch guten Gewissens auf dem Friedhof Rilke lesen und nachts vom ersten Kuß träumen durfte. Ich galt damals schon als ziemlich uncool, und mein zartes pubertäres Selbstbewußtsein würde unter heutigen Bedingungen wohl keine zwei Tage überleben.
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