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2004-07-16 - 15:50 - Der rote Filz

Nach der überraschenden Begegnung mit den Wirren der Pubertät war es Zeit, noch einen Schritt zurückzugehen: Kindergeburtstag. Die Gastgeberin wurde sechs und hatte die Kindergartenmafia eingeladen. Lauter blonde Mädchen, die mit ihren Zöpfen und in ihren Kleidchen ganz allerliebst aussahen - bis man sie von der Leine ließ. Dann verwandelten sie sich in eine in den höchsten Tönen kreischende Horde, die überwiegend aus zappelnden Armen und Beinen bestand. Außerdem schienen sie sich beim Toben klonen zu können und so die Zahl der Anwesenden mal eben zu verdreifachen.

Aber die heldenhafte Frau Julie kannte irgendeinen geheimen Trick, um das Knäuel zu entwirren und die Kinder halbwegs sittsam um den Küchentisch zu versammeln. Bei Waldorf-Geburtstagen darf man nämlich nicht einfach Süßigkeiten in sich stopfen und anschließend im Zuckerschock hysterisch quiekend durch die Wohnung jagen. Nein, man muß sich sinnvoll beschäftigen, hübsche Dinge produzieren. Am besten also basteln und dabei ein fröhliches Liedchen trällern. Beides Sachen, die ich sonst tunlichst vermeide.

Ich habe keinerlei Ambitionen in dieser Richtung mehr, seit die Hobbythek-Manie in der siebten Klasse um sich griff, wir aus der Apotheke der Eltern einer Freundin allerhand Pasten und Kräuter entwendeten, um sie streng nach Jean Pütz Vorgaben zu toller Kosmetik zu verrühren. Am Tag nach der ersten Anwendung hatte ich, sonst von Hautunreinheiten verschont, Schlauchbootlippen wie Chiara Ohoven und Quaddeln, die aussahen, als würden sie jeden Moment eine Spinnenschar gebären. Und das in einer Ära, in der Carmen Thomas im WDR gegen derlei Leiden eine Eigenurin-Therapie empfahl. Eine Zeit also, die man am besten gleich wieder vergißt.

Ich konnte mich auf dem Geburtstag trotzdem unmöglich der verordneten Bastelei entziehen und nur Bärchen-Kuchen essen. Also stellte ich mich neben Kind II an den Tisch und nahm eine blaue Plastikwanne in Empfang. Die Kinder beäugten mich ein wenig mißtrauisch, was kein Wunder ist, denn Kind I hatte mich vorgestellt als "die mit dem schrecklich unerzogenen Hund, aber ohne Mann". Und sie hatten allen Grund mißtrauisch zu sein, ich stellte mich in den nächsten zwei Stunden wesentlich ungeschickter an als die mit vier Jahren Jüngste unter ihnen. Einer gründlichen Waldorf-Sozialisation habe ich wenig entgegenzusetzen.

Die Aufgabe des Tages bestand darin, streng riechende, ungesponnene Schafwolle unter Einsatz von sehr viel Kraft und großen Mengen Seifenlauge in handliche Filzbälle mit Glöckchen in der Mitte zu verarbeiten. Der genaue Prozeß ist mir immer noch schleierhaft, da die Zeremonienmeisterin mir mehrmals zur Hand gehen mußte. Die Mädchen hingegen schienen bestens alleine klarzukommen, sangen dabei lustige, mir natürlich unbekannte Lieder und bewiesen allenfalls bei der Auswahl der Wollfarben für die letzte Schicht einen gewissen Nachhilfebedarf (Rosa kombiniert mit Rot war der absolute Favorit).

Während die Mädchen eine Wollschicht nach der anderen verarbeiteten und schließlich große rosa-rote Bälle in der Hand hielten, produzierte ich Filzwürste am laufenden Meter. Mein Teil des Tisches sah aus wie der Arbeitsplatz eines Friseurs nach der Arbeit auf dem Bauwagenplatz. Erschwerend kam hinzu, daß Kind II darauf bestand, sich regelmäßig die Seifenlauge von den Händen zu schütteln und mich dabei großzügig mit Flocken bedachte, die bevorzugt an Haaren und Brille kleben blieben.

Aber trotz all dieser Widrigkeiten und meiner offensichtlichen Sozialisationsdefizite bin ich jetzt stolze Besitzerin eines immer noch müffelnden Filzballs. Und wer sich nach der Lektüre dieses Eintrags seinen spöttischen Kommentar nicht verkneifen kann, der bekommt die nächsten zehn Jahre nur Selbstgefilztes zu Weihnachten. In Rosa-Rot-Türkis.

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