Wieder Wochenende, wieder ein Familientermin: die Hochzeit meiner Cousine in einem sehr kleinen niedersächsischen Dorf. Zur Abwechslung mal eine sehr entspannte Hochzeit, denn für beide ist es der zweite Anlauf und entsprechend ruhig und gelassen geht man die Feierlichkeit an. Meine Cousine hat sich vor nicht allzu langer Zeit von ihrem "High School Sweetheart" scheiden lassen und will es jetzt mit dem Ex-Mann der unmittelbaren Nachbarin probieren.
Der wiederum trägt auch noch gar nicht so lange den Titel Ex, war aber auch nicht eben lange verheiratet bevor er einfach eine Tür weiter bei meiner Cousine einzog. Die Nachbarin läßt sich jetzt von dem Vorgänger des Ex-Mannes trösten, den sie für die soeben geschiedene Ehe verlassen hatte, während der Ex-Mann meiner Cousine zwei Dörfer weiter in einer Wohnung Unterschlupf gefunden hat, die ihrem neuen Mann gehört. Oder so ähnlich. Liest noch jemand mit?
Wichtig ist eigentlich auch nur, daß ich meine Cousine noch nie so glücklich und ausgeglichen erlebt habe wie jetzt mit ihrem neuen Mann, der mit seiner charmanten Art sogar die Herzen meiner nicht gerade unkomplizierten Verwandtschaft gewonnen hat. Diese Hochzeit widerlegt außerdem sämtliche Vorurteile über das grundanständige Dorfleben und wirkt Wunder gegen die beliebten Monologe meines Vaters, in denen er mit verklärtem Blick ausführt, wie anders (sprich: besser) mein Leben verlaufen wäre, wäre ich aufs Dorf gezogen und hätte einen anständigen Bauern geheiratet.
Natürlich hat er recht, soweit es sich um einen geregelteren Alltag handelt. Ich würde vermutlich noch vor sechs Uhr aufstehen, das Vieh versorgen, anschließend das Landwirtschaftliche Wochenblatt lesen und mir Sorgen um die neue Marktordnung machen anstatt ganz nach Belieben erheblich später aufzustehen, nur ein betriebswirtschaftlich nutzloses Vieh zu versorgen, um anschließend eine Tageszeitung zu lesen und dabei den Teil mit den Subventionskürzungen geflissentlich zu übersehen. Aber wer weiß, ob mein Bauer nicht schon längst mit der Nachbarin ... Nach zehn Jahren in der Großstadt habe ich zumindest ein gesundes Mißtrauen gegenüber Nachbarn entwickelt. Und gegenüber Männern.
Aber zurück zum Wochenende. Für das Entertainment auf der Hochzeit fühlte sich meine Mutter verantwortlich, was bekanntlich meist damit endet, daß sich verschiedene Mitglieder des engeren Familienkreises der Lächerlichkeit preisgeben müssen. Mich natürlich eingeschlossen. Ich hatte den Fehler begangen, ein Memo zu ignorieren, das sie mir Mitte letzter Woche faxte (vermutlich kann nicht mal der Präsident ungestraft Memos seiner Mutter übergehen).
Ich las nur den ersten Absatz und beschloß dann, daß ich unmöglich gemeint sein konnte: "Hallo Ihr Lieben, die Kutten für unsere Aktion am Samstag habe ich besorgt. Die Musik bringe ich auch mit. Wir tanzen zu 'I will follow him' und Anja singt ein Solo zum nächsten Lied. Natürlich Playback, sonst fehlt das Klavier. Und jetzt übt mal schön." Kutten? Klavier? Damit konnte ich rein gar nichts anfangen und tränkte den Rest des Faxes gleich großzügig mit Kaffee.
Samstag wünschte ich, ich hätte gründlicher gelesen. Dann hätte ich vielleicht meine letzte Chance zur Flucht genutzt, so guckte ich nur etwas dämlich als mir meine Mutter einen schweren Kleidersack mit acht Nonnenkostümen in die Hand drückte. Sie hatte eindeutig zuviel Sister Act gesehen und wollte nun Whoopi Goldberg und ihrer Sangestruppe im Habit Konkurrenz machen.
Die anderen designierten Schwestern standen der Angelegenheit mindestens so mißtrauisch gegenüber wie ich, aber niemand legt sich mit meiner Mutter an, bloß um zehn Minuten öffentlicher Selbstdemütigung zu entgehen. Das ist es nicht wert. Außerdem haben wir alle genügend Erfahrung mit peinlichen Auftritten zu derartigen Anlässen (die gesamte Sippschaft lacht heute noch über meine Steptanz-Einlagen als Achtjährige), um auch diesen Abend mit etwas Restwürde zu meistern. Und siehe da, die Anwesenden haben Tränen gelacht - was allerdings mehr mit Schadenfreude als mit Anerkennung für unsere gewaltige künstlerische Leistung zu tun gehabt haben könnte.
Schon gelesen?
2007-06-28 - In einem Taxi nach Paris Damaskus
2007-06-25 - Gruß aus Amman
2007-06-12 - Kumbayah mit Anfassen
2007-02-27 - Irmela Schwab und der Elektrakomplex
2007-01-08 - Mann zum Unter-die-Erde-Bringen gesucht








