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2004-07-29 - 14:27 - Du ... Du ... Du Elektrogriller

Essen ist bekanntlich viel, viel mehr als reine Nahrungsaufnahme. Es ist Ersatzbefriedigung, Ablenkung, Vorspiel, ebnet den Weg zu schwierigen Gesprächen, versöhnt mit der Welt und ist insgesamt dermaßen kulturhistorisch beladen, daß es nicht verwundert, wenn die einen vor Schreck zu McDonalds rennen, während die anderen es zum Religionssubstitut erheben. Und wenn Männer in Gesellschaft kochen, dann wird auch die Zubereitung zum Ritual und der Koch zum Zeremonienmeister.

Männer haben nämlich das Show-Kochen perfektioniert, und wie bei jeder guten Show ist die Vorführung das Ziel, nicht der letzte Vorhang. Deshalb ist das Show-Kochen mit sehr viel Geklapper und noch viel mehr Dreck ("laß liegen, macht die Putzfrau") verbunden und wird begleitet von endlosen Erläuterungen zu den feinen Zutaten ("nur handgepreßtes Olivenöl von einem zehn Quadratmeter Flecken irgendwo in Sizilien, Südhang") und edlen Materialien ("mein Peugeot Mahlwerk"). Der Koch will die ergebenen (bevorzugt weiblichen) Gäste bereits mit der Vorbereitung in ehrfürchtiges Staunen versetzen, nicht erst mit dem Ergebnis. Letzteres ist übrigens nicht einfach nur Spaghetti al irgendwas, sondern Kunst, weil sich zwischendurch ein wenig Zitronenthymian an die Nudeln verirrt hat.

Ihren Höhepunkt findet die Ritualisierung der Vorbereitung im sommerlichen Grillen. Da nur echte Profis auf dem Grill ein Essen zubereiten können, das von Geschmack und Konsistenz her nicht an Holzkohle erinnert, muß die Faszination in etwas anderem liegen als dem Essen selbst. Beim Grillen, einer der letzten Männerdomänen, ist der Koch nicht nur Showmeister, sondern kehrt zugleich zu seinen entwicklungsgeschichtlichen Wurzeln zurück.

Er unterwirft sich die Natur an jedem lauen Sommerabend aufs Neue: Feuer beherrschen, riesige Ochsen braten und im Schein der gebändigten Naturgewalten von den Heldentaten berichten. Deshalb haben Männer anders als Frauen auch meist nichts dagegen, wenn sie gelegentlich vom Qualm verschluckt werden und sich der beißende Geruch des Feuers mit dem eigenen Moschusduft verbindet. Oh yeah!

Ganz besonders archaische Typen gehen sogar noch einen Schritt weiter und erlegen das Fleisch außerhalb des Kühlregals. So richtig im Wald. Natürlich nicht mit den bloßen Händen oder einer Keule, sondern mit einem modernen Gewehr nebst Zielfernrohr. Viele würden zwar gerne ganz zurückkehren zum dramatischen Kampf Tier gegen Mensch, aber leider erlauben weder der enge Terminplan noch das durch einseitiges Arbeiten am Laptop entstandene Carpaltunnelsyndrom die Jagd mit Pfeil und Bogen.

Aber auch der Nicht-Jäger, der seine Frau zum Einkaufen in den Supermarkt geschickt hat und allenfalls noch eigenhändig das Fleisch aus der Styroporschachtel nimmt, wird am Grill, über dem offenen Feuer, wieder zum Ur-Mann. Er fühlt sich plötzlich frei, mächtig, naturverbunden - auch auf dem 6 qm Balkon in Ottensen. Er bindet sich eine Schürze um und ist nicht mal böse, wenn er sich mit Sauce bekleckert, denn das sieht doch fast so aus wie das Blut des frisch erlegten Tieres (müffelt aber natürlich nicht so und macht auch weniger Dreck).

Inzwischen ist aber auch dieses letzte männliche Refugium bedroht. Und die Gefahr geht nicht vom Weibe aus, sondern kommt ausgerechnet aus den eigenen Reihen. Es ist schon wieder der Metrosexuelle, der Wallpaper-Abonnent und Douglas-Kundenkartenbesitzer, der sich einen Dreck um heilige Männertraditionen schert. Er will sich weder sein Alexander McQueen Hemd verräuchern lassen noch bietet seine trendige Wohnung im orange-weißen Retro-Look Platz für den Vorratssack mit Holzkohle. Also greift er auf einen Elektrogrill zurück und preist die schonende, kaloriensparende Zubereitung, bei der weder Dreck noch Karzinogene freigesetzt werden.

Ein Elektrogrill, ich bitte Euch. Da dürft Ihr Euch nicht wundern, wenn die Urschrei-Therapie der 80er bald ein fröhliches Revival feiert. "Du Elektrogriller" wird mein Schimpfwort des Sommers, wenn er sich denn jetzt tatsächlich noch zum Bleiben überreden läßt. Der Sommer, nicht die Männer.


Elektrogrill.jpg

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