Freitag morgen, 7:30 Uhr. Das Telefon klingelt. Das verheißt nichts Gutes, denn kein Mensch mit Sinn und Verstand möchte um diese Uhrzeit mit mir sprechen. Früher, als ich noch auf dem Pfad juristischer Tugend wandelte, saß ich um diese Zeit meist schon am Schreibtisch, aber da das Lotterleben Einzug gehalten hat, grenzt es an ein Wunder, daß ich überhaupt wach genug bin, um das Klingeln zur Kenntnis zu nehmen. Reden steht vor dem ersten Kaffee und der Zeitung nicht mal zur Debatte. Bösartige Zischlaute ja, Konversation nein.
Der Anrufbeantworter, um diese Zeit wesentlich höflicher als ich, nimmt mir das Gespräch ab. Durch die geschlossene Schlafzimmertür kann ich die Stimme allerdings nicht erkennen. Es ist eine kurze Nachricht, und ich ziehe mir wieder die Decke über den Kopf, nachdem ich den heißen, hechelnden Hund aus meinem Gesichtsfeld entfernt habe.
7:35 Uhr. Das Telefon klingelt schon wieder. Dann wieder und wieder und wieder. Irgend jemand ist verdammt hartnäckig, hinterläßt aber nur noch eine weitere Nachricht. Um kurz nach acht gebe ich entnervt auf, schlurfe erst zur Kaffeemaschine und dann zum Telefon. Die Rufnummer meines morgendlichen Quälgeists wurde nicht übermittelt, und die erste Nachricht auf dem Anrufbeantworter ist nur teilweise zu verstehen. Vor allem der Name bleibt ein Rätsel.
"Hallo? Hier ist ... Warum gehst du ... Geh doch bitte ran. Bitte ... Ich meld mich wieder." Die Stimme kommt mir nicht mal entfernt bekannt vor. Sie ist brüchig, wie die einer alten Frau, und klingt ziemlich verzweifelt. Ich kann mir nicht vorstellen, daß der Anruf wirklich für mich ist, aber ich würde ihr das auch gerne sagen, ihr irgendwie weiterhelfen. Verdammt, warum bin ich bloß nicht gleich aufgestanden?
Die zweite Nachricht ist noch viel beunruhigender. Sie beginnt mit einem Schluchzen, dann: "Er ist tot. Erwin ist tot." Jetzt bin ich auch ohne Kaffee wach. Ich kenne keinen Erwin, aber meine Phantasie läuft auf Hochtouren. Was sage ich bloß, wenn sie wieder anruft? Sie wird es doch bestimmt noch mal probieren. Oder nicht? Will ich überhaupt, daß sie wieder anruft? Ja. Oder doch nicht? Will ich mich damit beschäftigen? Los, ruf noch mal an.
Ich checke meine Mails, klicke mich durch fremde Leben, lese den x-ten Artikel über den Parteitag in Boston und habe dabei das Telefon immer im Blick. Ich nehme es sogar mit ins Bad, um bloß keinen Anruf zu verpassen. Aber natürlich bleibt es stumm. Tut ganz unbeteiligt und rührt sich einfach nicht mehr. Jetzt sitze ich da und kann die verzweifelte Stimme nicht mehr aus meinem Kopf verscheuchen. Auch Erwins Schicksal ist mir plötzlich nicht egal. Da hilft nicht mal ein Sonnenbad in der Mittagshitze, sonst ein Allheilmittel gegen jegliche Art von mentalem Kreisverkehr. Los, ruf doch bitte noch mal an.
Schon gelesen?
2007-06-28 - In einem Taxi nach Paris Damaskus
2007-06-25 - Gruß aus Amman
2007-06-12 - Kumbayah mit Anfassen
2007-02-27 - Irmela Schwab und der Elektrakomplex
2007-01-08 - Mann zum Unter-die-Erde-Bringen gesucht








