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2004-08-17 - 23:24 - Vom Bilderbuch- zum Krimisommer

Als ich Sonntag abend sehr spät von meiner Tour de Ruhr nach Hamburg zurückkam, wartete vor meiner Wohnungstür schon ein Päckchen von meiner Amazon-Wunschliste als Empfangskommitte. Ein weiteres ist unterwegs, wie ich am nächsten Morgen in meinen Kommentaren lesen durfte. Ich würde mir zwar freiwillig nicht noch mal den Kopf verbeulen, aber die Buchspenden sind ein hervorragendes Schmerzmittel (allerdings drohen sie die Bettruhe ungebührlich zu verlängern, wie man an der Pause hier schon sieht). Daher ein dickes Danke an die Spender. Ich bin wirklich gerührt. Und Ihr dürft auch weiterhin ruhig gehässig lachen.

Heute abend ist einer dieser Sommerabende, an denen es noch einmal richtig warm wird, man aber schon spürt, daß der Sommer sich bald verabschieden wird. Auch die Grillen vor dem Fenster geben noch mal alles, so daß man gar nicht einschlafen möchte, aus Angst auch nur einen Moment zu verpassen. Warum bin ich im Sommer eigentlich noch melancholischer als im finsteren Winter? Ach ja, ich vergaß. Im Winter werde ich depressiv, da ist kein Platz mehr für zarte melancholische Weltvergessenheit.

In meiner Kindheit war Sommer gleich Erntezeit. Und die Ernte war gleichbedeutend mit einer gewissen Zügellosigkeit - zumindest aus Kindersicht. In wenig wetterfesten Gefilden wie den unseren muß man nämlich zusehen, daß man das Getreide in einer trockenen Phase möglichst schnell vom Acker bekommt. Bereits der nächste kräftige Regenguß könnte den Rest der Ernte ruinieren.

An schönen Tagen wurde daher bis zum Einbruch der Dunkelheit gearbeitet und die Männer kamen oft erst gegen elf vom Feld zurück. Völlig erledigt und ziemlich dreckig. Dann versammelten sich alle an einem großen Tisch im Garten zum Essen. Es gab bergeweise Brote und Rührei, und der Garten wurde von Fackeln beleuchtet. Da wir Kinder sowieso den ganzen Tag draußen rumrannten, uns höchstens mal der Hunger ins Haus trieb und wir meist mit raus aufs Feld fuhren, scherte sich an solchen Sommertagen ausnahmsweise mal niemand um Bettzeiten oder ähnliche Einrichtungen wie regelmäßiges Händewaschen.

Wenn wir mittags müde wurden, schliefen wir eben auf dem Trecker ein. Und wenn wir uns spätabends noch den Bauch vollgeschlagen hatten, fielen uns zwischen den Erwachsenen auf der Bank die Augen zu. Dort wo es nach Schweiß, sonnenverbrannter Haut und Getreidestaub roch. Später im Bett, wenn keine Grannen mehr unter dem T-Shirt pieksten, bildeten die Grillen und das entfernte, beruhigende Brummen der Getreidetrocknung eine friedliche Geräuschkulisse. Schöne Sommer waren das, frei und scheinbar endlos. Astrid-Lindgren-Sommer.

Seine melancholische Färbung erhielt der Sommer erst, als ich mit 16 in die USA ging. Der August in Kansas war unerträglich heiß. Eine eklig feuchte Hitze, in der sich binnen weniger Minuten ein Schweißfilm auf der Haut bildete. Ich war jeden Morgen dankbar zur Schule gehen zu dürfen, denn die Schule war neben dem Auto der einzig klimatisierte und damit einzig erträgliche Ort. Dafür nahm ich auch gern den Bibelunterricht in Kauf.

Vor allem die Nächte waren schlimm. Es wurde kaum kühler nachts, das Haus meiner ersten Gastfamilie war nicht klimatisiert und man hatte ständig das Gefühl, von der feuchten Hitze erdrückt zu werden. Geschlafen habe ich in den ersten Wochen nur wenig. Ich konnte nicht mal auf einen Luftzug hoffen, denn mein Fenster lag zur Veranda und damit auch zur Straße hin und war dauerhaft fest verriegelt.

Wir wohnten in einem dieser typischen kleinen Holzhäuser, die von außen so malerisch wirken, von innen aber nur klein und eng sind, in einer überwiegend weißen Gegend. Kein Viertel, in dem man auf offener Straße aus dem Auto heraus erschossen wurde, aber nicht sehr weit von einem solchen Viertel gelegen und eben keine Gegend, in der man nachts bei offenem Fenster schlafen sollte. In dem Park gegenüber verschwand kurz nach meiner Ankunft ein kleines Mädchen und einen Block weiter wurde wenige Wochen später eine Frau nachts in ihrem Haus von Einbrechern getötet.

Da ausgerechnet ich das Schlafzimmer zur Straße raus hatte, deponierten meine Gasteltern unter meinem Bett ein Gewehr. Ich wurde instruiert, es zu benutzen, falls sich jemand nachts unbefugt an der Haustür zu schaffen machte. Mein Gastvater, der einzige Mann im Haus, arbeitete als Sanitäter und war nachts fast immer beruflich unterwegs. Ich fand die Vorstellung völlig aberwitzig, mich schlaftrunken durch die Schichten rosa Volants zu wühlen, die mein Bett zierten, bloß um an ein Gewehr zu kommen, mit dem ich nicht mal richtig umgehen konnte. Aber mit knapp 16 behält man solche Gedanken höflich für sich.

Also lag ich nachts meist schweißgebadet in meinem berüschten Bett, lauschte dem lauten Gezirpe der Grillen, völlig übermüdet aber trotzdem hellwach, und schreckte bei jedem anderen Geräusch auf, während die Straßenlaternen fahle Lichtstreifen durch meine spitzenbesetzten rosa Blümchengardinen schummelten. Ich hatte mich noch nie zuvor in meinem Leben so einsam gefühlt.

Nach drei Wochen gab ich auf und entfernte heimlich die Verriegelung an meinem Fenster, um wenigstens ein bißchen frische Luft und damit auch ein wenig Schlaf zu bekommen. Bis dahin hatte ich im Bibelpflichtfach schon so viel über den nahen Weltuntergang gehört, daß mir ein möglicher Überfall mit tödlichem Ausgang nur wie eine Abkürzung des recht umständlichen biblischen Prozederes mit seinen Reitern und Heuschrecken und blutigen Flüssen erschien.

Der einzige, der sich übrigens während dieser Zeit auf unsere Veranda verirrte, war ein Besoffener, der einfach umfiel und einschlief noch bevor ich mir Gedanken über sein Gefährdungspotential machen konnte.

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