Liebste Leser, falls Ihr gerade versucht, die Lagerkosten von Amazon zu senken, indem Ihr das Lager zu mir verlagert, seid Ihr auf einem erfolgversprechenden Weg. Der Postbote hat heute schon gefragt, ob ich Geburtstag habe. Vielen, vielen Dank also an den mysteriösen R.S. ohne Mailadresse für ein Buch, das ich mir schon sehr lange gewünscht habe; und an den netten Bayern auf Deutschlandreise. Letzterem sei gesagt, daß er sich auch mit der CD nicht freikaufen kann. Ich will besucht werden, Herr H.
Und jetzt zu weiteren schwärmerischen Reiseanekdoten. Ich hab ganz offensichtlich grad eine Fernwehphase. Vor allem als ich letzte Woche mit dem Hund auf dem Schoß im elterlichen Hof saß und versuchte, ein paar der Perseiden-Sternschnuppen zu ergattern, die in großer Zahl vom Himmel fallen sollten. Was heißt sollten ... vermutlich taten sie das auch. Man konnte eben nur nicht besonders viel davon sehen.
Und sofort packte mich die Sehnsucht nach Afrika, wo der Nachthimmel so unendlich viel schöner ist. Natürlich ist er das nicht wirklich, aber er wirkt eben prächtiger, weil man viel mehr davon sieht. Hunderte Kilometer entfernt von der nächsten Stadt, mitten im Busch, wo es mangels Strom kein elektrisches Licht gibt, das den Himmel in ein milchiges Weiß taucht und fast alle Sterne schluckt.
Ich habe schon als Kind Besuche im Planetarium gemocht, aber ein Gefühl für die unglaubliche Weite des Alls stellte sich erst ein, als ich das erste Mal in Namibia in den Nachthimmel blickte. Und im Gegensatz zu meinen Mitreisenden fand ich es ungemein beruhigend, mich angesichts der uralten Sterne absolut winzig und unbedeutend zu fühlen. Ich fürchte allerdings, daß das wenig mit einer religiösen Demutserfahrung zu tun hatte, dafür um so mehr mit der plötzlichen Erkenntnis, daß meine zahlreichen Fehler dann ja noch viel winziger und unbedeutender sein müssen.
Während der Zeit auf der Farmschule haben Solveigh, die andere Freiwillige, und ich oft einfach unsere Schlafsäcke vor das kleine Haus gelegt und vor dem Einschlafen draußen noch lange mit dem Fernglas in den Himmel gestarrt. Bevorzugt in Neumondnächten, wenn der Mond sich dezent zurückhält und die Bühne kleineren Leuchten überläßt. Die übrigen Bewohner, Kinder wie Erwachsene, hielten uns für komplett verrückt. Sie konnten unsere Faszination nicht nachvollziehen, schließlich kannten sie den Himmel nur so.
Außerdem hielten sie es für unnötig gefährlich, sich freiwillig allerhand Getier auszuliefern, wenn man doch bequem in einem Bett mit einem Dach über dem Kopf liegen konnte. Aber wir fühlten uns in unmittelbarer Nähe zum Haus relativ sicher vor größeren Tieren, und das Kleinvieh - Spinnen, Schlangen oder Skorpione - plagte uns drinnen genauso wie draußen. Ich habe noch ein halbes Jahr nach meiner Rückkehr gewohnheitsmäßig Kleidung abgeklopft und Schuhe ausgeschüttelt, bevor ich sie angezogen habe.
Angst hatte ich bei diesen Freiluftübernachtungen nie. Die kam erst ein paar Monate später, als ich meine Arbeit in der Schule beendet hatte und für mehrere Wochen allein mit Solveigh und einem Ranger der Naturschutzbehörde durch die Skelettküste fuhr, um das dortige Wild für die behördliche Statistik zu zählen. Das riesige Naturschutzgebiet, das sich von der Grenze zu Angola etwa 500 km entlang der Küste Richtung Süden erstreckt, ist für Touristen nur auf ganz bestimmten Strecken zugänglich. Da wir uns abseits dieser Strecken bewegten, standen uns mehrere Wochen ganz allein in der Wüste bevor.
Genug Zeit, so schien es mir, für allerhand vierbeinige Räuber, um sich an unsere ungewaschenen Fersen zu heften und uns bei erstbester Gelegenheit im Schlaf zu überraschen. Bis uns jemand vermißte, wären wir bestimmt schon verdaut und wieder dem natürlichen Kreislauf zugeführt. Man hatte schließlich allerhand gehört. Von Hyänen, die einen Schlafenden angefallen und ihm den Kiefer aus dem Gesicht gerissen hatten. Hyänen sind alles andere als reine Aasfresser und haben einen der kräftigsten Kiefer im ganzen Tierreich, mit dem sie auch die Knochen größerer Beute problemlos durchbeißen können. Was ist da schon ein westeuropäischer Dickschädel.
Als wir dann die erste Nacht in der Wüste verbrachten, war mir gar nicht wohl in meiner Haut. Ich schob meinen Schlafsack so nah ans Feuer wie möglich und versuchte abzuwägen, ob die größere Gefahr nun von den Flammen oder von den vierbeinigen Jägern ausging. Beides fiel nicht in die Kategorie präferierter Todesarten. In den folgenden Nächten entwickelte ich zur großen Erheiterung des Rangers ein kompliziertes System, nach dem ich diverse Reisekisten um meinen Kopf plazierte und schließlich ein Moskitonetz drüberzog. Alles in der Hoffnung, die Viecher würden zuerst in meine Füße, nicht aber in meinen Kopf beißen.
Aber allmählich entspannte ich mich und genoß die ruhigen, kalten Nächte in der Wüste unter dem unglaublichen Sternenhimmel. Zumindest bis zu jener Nacht, als sich ein Rudel Tüpfelhyänen lautstark über die Eindringlinge in ihrem Revier beschwerte. In der Wüste ist es schwer, Entfernungen allein nach dem Geräusch abzuschätzen, schließlich kann der Schall ungehindert wandern. Nach meinem Empfinden klang das schrille Hyänenlachen so, als würde sich das Rudel in unmittelbarer Nähe zum Angriff sammeln.
Jan versuchte noch mich zu beruhigen, aber ich bin offensichtlich nur in engen Grenzen fürs wilde Abenteuerleben geschaffen. Sobald ich meinen Namen auf dem Menüplan freilebender Vierbeiner wähne, verläßt mich doch sehr schnell der Entdeckergeist. Also legten wir die Bretter quer über den Jeep, die wir sonst mehrmals täglich dazu nutzten den Landrover aus dem Sand freizuschaufeln, und verbrachten den Rest der Nacht (und einige weitere Nächte) in halbwegs sicherer Höhe.
Passiert ist uns natürlich nichts. Wir haben die Hyänen zwar noch oft hämisch lachen gehört, aber nie mehr als ihre Spuren zu Gesicht bekommen. Und bei Tagesanbruch war mir meine Angst meist schon wieder peinlich. Ich ziehe es daher vor zu behaupten, die Zeit dort habe mir einen gesunden Respekt vor freilebenden Tieren eingeflößt. Klingt doch gleich viel besser als "Lyssa ist ein elender Angsthase".







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