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2004-08-23 - 13:57 - Tieffliegende Walrösser

Gestern hatte Red Bull Lebensmüde und Schaulustige zum Flugtag in die Hafencity geladen und es schien, als wolle ganz Hamburg das Spektakel vor Ort begutachten. Statt der erwarteten 100.000 Zuschauer sind angeblich 250.000 wie eine riesige Flutwelle angerollt, haben das gesamte Hafengebiet unter Menschen gesetzt und die Veranstaltung zur bislang größten ihrer Art gemacht (Hamburg beats NYC, yeah!).

Nach einer Fahrt mit der völlig überfüllten U-Bahn, erstickt vom typischen Gummibärchengeruch erregter Redbull-Konsumenten in freudiger Erwartungshaltung, erschien mir sogar der Sprung von der 7,50-Meter-Rampe am Dalmannkai wie eine gute Idee, weil mit frischer Luft und ausreichend Beinfreiheit verbunden. Als sich dann die ersten Wahnsinnigen von der Rampe stürzten, revidierte ich meine Meinung allerdings ziemlich schnell.

Aber zu dem Zeitpunkt saß ich auch schon gemütlich auf dem Dach des SAP-Hochhauses, vis-à-vis der Rampe und weit über den drängelnden Massen, und genoß die fantastische Aussicht. Die Beine ausgestreckt, ein kühles Getränk in der einen und einen Grillteller in der anderen Hand.

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Die Teams der Freizeitverrückten hatten wirklich unglaubliche Dinge zusammengeschraubt. Es gab u.a. Quietsche-Entchen, Walrösser, Oben-ohne-Hühner, Piratenschiffe, einen Albatroß im Nest und einen eierlegenden Archaeopteryx. Eine echte Veranstaltung für das Kind im Manne. Dabei wurde definitiv mehr Wert auf Optik und Showeffekt als auf die Flugtauglichkeit gelegt. Der Weitensieger brachte es auf 16,50 Meter, die meisten plumpsten eher wie ein nasser Sack ins Wasser. Oft sprangen die wild kostümierten Anschieber unter lautem Gebrüll hinterher und mußten zusammen mit dem Piloten vom DLRG aus dem Wasser gefischt werden.

Dieses Schicksal hätte auch fast einen Kameramann ereilt, der von einem monströsen Flügel erwischt und über den Rand der Rampe geschubst wurde. Er baumelte kurz hilflos an einem Metallgestell, bevor er samt teurer Technik gerettet werden konnte. Ebenfalls baumeln mußte der Archaeopteryx. Seine lange Anschiebestange verhakte sich an der Rampe, so daß der Vogel hängenblieb und nur seinen Kopf und den Piloten dem Wasser überließ. Die Jury, mit allerhand B-Prominenz wie Kalle Schwensen, Mark Keller, Ex-VJ Milka und dem Barmbeker Dreamboy Loddo King Karl besetzt, zeigte sich gnädig und billigte dem Piloten fürs Naßwerden einen Meter Flugweite zu.


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Wesentlich interessanter noch als die Fluggeräte waren wie so oft die Menschen um mich herum. Rechts neben mir saßen ein paar Vertreter der Spezies Berufsjugendliche, die zumindest ich sonst selten in freier Wildbahn treffe, und bei deren Anblick ich mich unweigerlich frage, womit die wohl ihren Lebensunterhalt verdienen. Die sechs waren in einem Alter, in dem andere Menschen gewohnheitsmäßig Anzüge tragen und ihre Kinder einschulen, trugen aber Klamotten, die sonst nur 19jährige Fashion Victims in Entzücken versetzen.

Die löchrigen Stonewashed-Jeans und wild bedruckten 80er-Jahre-Leibchen waren sicherlich sauteuer, sahen aber auch nicht besser aus als die entsprechenden Fetzen von Discountern wie Orsay. Meine Favoritin mit Sexpüppchengesicht trug dazu eine blondgesträhnte Variante der klassischen Nena-Frisur, wobei sie ihre dünnen Haare mit reichlich Extensions künstlich verlängert hatte. Die feuchtschimmernden rosa Lippen waren großzügig aufgespritzt und schlossen sich selten ganz, damit ihre blendend weiß überkronten Zähne auch genügend zur Geltung kamen.

Ihre beste Freundin war sicherlich Mitte 30, wußte eine genauere Altersbestimmung jedoch mit mehreren Schichten Make-up zu verhindern und sah insgesamt verdächtig glatt gebügelt aus. Auch bei ihr fehlten weder die aufgespritzten Lippen noch die umfassende Dentalrenovierung. Wenn sie nicht grad den oberen Schenkelbereich ihrer blondierten und mit Kinnbärtchen versehenen Begleiter streichelten, unterhielten sich beide mit so großer Ernsthaftigkeit und tiefen Seufzern, daß man meinen konnte, es ginge um die Lösung des Welthungerproblems und nicht bloß um Shopping.

Die Ärmsten sind nämlich mehrmals in der Woche in der Stadt unterwegs, allzeit bereit die Goldene Amex zu zücken (man hat schließlich ein Image zu verteidigen) und die Wirtschaft anzukurbeln, finden aber einfach trotz angestrengter Suche ab-so-lut nichts, was ihrem extravaganten Geschmack entspricht. Die Innenstadt, so ihr vernichtendes Urteil, wird vom schlechten Geschmack regiert, wobei sie mehrfach abschätzige Blicke auf meine schlichte schwarze Hose und den kuscheligen Kapuzenpulli warfen. Was den schlechten Geschmack unseres jeweiligen Gegenübers betraf, waren wir uns zumindest wunderbar einig.

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