
Samstag abend hab ich zur Abwechslung mal wieder mein kleines, beschauliches Hundehalterleben verlassen, ein leicht angestaubtes Korsett aus dem Schrank gekramt (die Erinnerung verklärt die Unbequemlichkeit des Tragens enorm, in der Realität wollte ich nach einigen Stunden in Korsett und High Heels nichts weiter als meinen Pyjama und die Tigerpuschen) und mich auf subkulturelle Fetischpfade begeben. Von wirklichem Underground kann man wohl nicht mehr sprechen, wenn Parties in Museen stattfinden, die gut zehn Jahre nach der Gründung selbst hartgesottene Moralapostel nicht mehr an die Beatmungsgeräte schicken.
Das Erotic Art Museum widmete dem Marquis-Gründer und Erotomanen Peter W. Czernich eine Ausstellung mit 200 Fotos und hatte zur Vernissage mit großer Modenschau geladen. Vor Ort konnte man sich davon überzeugen, daß Czernich kein begnadeter Fotograf, sondern eher ein großes freundliches Kind ist, das nicht müde wird, sein Lieblingsspielzeug immer wieder neu in Szene zu setzen. Seine Bilder sind bunt, schrill und präsentieren übertrieben weibliche Formen in jeder erdenklichen Art von Latexverpackung. Der Titel seines aktuellen Buches bringt es auf den Punkt: Superdolls.
Aber seine Bilder erzählen keine dieser anrührenden schmutzigen Geschichten, die andere Fotografen seines Genres einfangen können. Dafür erweckt er seine Figuren auf ganz andere Art zum Leben: Er holt sie auf die Bühne. Und das macht er besser als jeder andere Party-Veranstalter im deutschsprachigen Raum. Niemand bringt mehr Glamour auf die Bühne als er (und vermutlich gibt auch niemand so viel Geld dafür aus wie er).
Am Samstag schickte er eine Reihe schöner Frauen in den aktuellen Kollektionen bekannter Latex-Designer auf die Bühne, darunter Sachen aus der hauseigenen Marquis-Schneiderei, von Funny Skin, Absolute Danny und House of Harlot. Es gab die unterschiedlichsten Outfits zu sehen vom Ganzkörperanzug inklusive Maske bis hin zum fast schon alltagstauglichen Chanel-Lookalike in zart rosé. Die Modenschau bildete allerdings nur den Rahmen für den eigentlichen Höhepunkt des Abends:
(Achtung, jetzt folgte der Teil der Berichterstattung, bei dem ich hemmungslos ins Schwärmen gerate und mich peinlicherweise zu meinen groupie-esken Verhalten bekennen muß, das meinen Begleiter, der mich bis dahin für eine halbwegs normale, zurechnungsfähige Erwachsene gehalten hatte, im Laufe des Abends mehrfach zu hochgezogenen Augenbrauen und verzweifeltem Kopfschütteln animierte.)
Die großartige, absolut einzigartige Dita von Teese trat gleich zweimal auf. Natürlich ging es auch bei ihrer Show vorrangig ums Ausziehen, aber wie sie das tut, ist wirklich unvergleichlich. Im ersten Teil tauchte sie im Korsett und einem riesigen Rock mit jeder Menge Geraffel auf, auch die Haare ganz Hollywood-Look der '40er. Die einzelnen Kleidungsstücke fallen in einem perfekt choreographierten Auftritt, der trotz der offensichtlichen Routine nie steril oder womöglich langweilig wirkt. Kurz bevor die letzten Hüllen fallen, verschwindet sie mit einem koketten Lächeln hinter zwei riesigen Fächern, mit denen sie noch einmal über den Laufsteg stolziert. Unwiderstehliche Retro-Erotik eben. (Erwähnte ich schon, daß ich wirklich direkt an der Bühne stand?)
Im zweiten Teil badete sie in dem mittlerweile legendären Martiniglas (deutlich nackter), eine Szene, die selbst minderjährige MTV-Zuschauer dank des Videos ihres Verlobten Marilyn Manson (Gütiger, warum nur?) inzwischen auswendig kennen dürften. Und sie ist live und aus nächster Nähe tatsächlich noch viel schöner (allerdings auch viel, viel kleiner) als auf Fotos, was dank moderner Technik bekanntlich nicht immer der Fall sein muß. Vor allem aber ist sie nach der Show sehr freundlich und zugänglich, beantwortet auch noch die x-te Frage in geradebrechtem Englisch und gibt zahllose Autogramme.
Ganz im Gegensatz zu Masuimi Max, dem zweiten Stargast des Abends. Ihre Show war ebenfalls unterhaltsam, aber eben auf ganz andere Art. Trucker's Delight statt 40'er Pin-up. Sie kroch nackt über den Laufsteg, zerrte schließlich den Museumsdirektor Dr. Alvaro Godoy auf die Bühne, steckte ihm einen Fuß in den Mund und ließ großzügige Mengen Whiskey über ihr Bein in seinen Mund und über seinen Anzug laufen (worüber er keinesfalls unglücklich schien). Nach der Show versuchte sie lieber den weiblichen Partygästen die Klamotten vom Leib zu reißen anstatt Fragen zu beantworten.
Mit etwas Glück gibt es später auch noch ein paar Fotos von dem Abend. Es herrschte striktes Fotografieverbot für Nicht-Presse, woran sich aber außer uns Deppen absolut niemand hielt. Daher könnte ich das Foto von Dita und mir nicht mal dann veröffentlichen, wenn ich wirklich wollte, denn es tourt derzeit noch mit der Besitzerin der Kamera durchs Land. Aber ich habe mir größte Mühe gegeben, einen Fotografen zu becircen, der dann auch - vermutlich um mich loszuwerden - versprach, mir ein paar Bilder fürs Blog zu mailen. Sollte er das nicht mehr tun, muß ich wohl dringend an meinem Charme arbeiten. Oder bei solchen Gelegenheiten künftig Latex tragen.
Nachtrag: Ich muß mir wohl doch noch keine großen Sorgen um meine Überredungskunst machen. Der wirklich sehr nette Alexander Horn von Latexnews, der direkt neben mir an der Bühne stand und meine Dita-Verzückung ertragen mußte, hat mir zwei wunderschöne Bilder überlassen. Vielen Dank!


Und damit schalten wir zurück zum Hundehalterleben ...
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