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2004-09-01 - 23:54 - Der Gemütliche und sein dicker Freund

Da wir hier in den Augen einiger konservativer Mailschreiber sowieso grad ein wenig in die Schmuddelecke abgleiten, muß ich mir keine Sorgen mehr um meinen nächsten Eintrag machen. Es geht wieder mal um Herrn Schulte, dessen Wohnung bekanntlich schon in fragwürdigen Filmen verewigt wurde und der auch sonst sonderbaren Freizeitbeschäftigungen nachgeht.

Eines seiner regelmäßigen Rituale besteht in einem spätabendlichen Spaziergang durch die Rotlichtviertel des Ruhrgebiets in Begleitung seines besten Freundes. Angeblich geht es ihnen gar nicht darum, die angebotenen Dienstleistungen zu nutzen. Sie wollen dort nur ein wenig spazierengehen, Männergespräche führen und das Ambiente genießen. Fragt nicht. Ich versteh das auch nicht. Aber was weiß ich schon von Männerfreundschaften.

Seit ich Herrn Schulte kenne, bekomme ich langsam eine Ahnung davon, wie sich die ersten Ethnologen auf Samoa gefühlt haben müssen. Man kann nur still daneben sitzen, staunend die völlig fremden Sitten beobachten und hoffen, daß man irgendwann eine Art Muster erkennt und den Sinn dahinter ergründet. Ich verharre vorerst auf der Stufe des Beobachters, werde aber sicher stolz vermelden, sobald sich mir der Sinn seines Handelns erschlossen hat.

Letzte Woche liefen die beiden also wieder durch eine dieser Straßen, zu denen nicht arbeitende Frauen keinen Zutritt haben, und unterhielten sich. Es war ein kühler Abend, der einen Vorgeschmack auf den Herbst bot, und sein Freund trug einen dicken, kuscheligen Pullover. Herr Schulte würde so etwas derzeit nicht anziehen, da er fürchtet, das könnte seinen imaginären Bauchansatz unnötig betonen. Lieber friert er. Ich halte ihn überhaupt nicht für zu dick, aber er will mir nicht glauben (ich ihm umgekehrt allerdings auch nicht) und dieser Spaziergang sollte seine schlimmsten Befürchtungen bestätigen.

Als die beiden nämlich zum wiederholten Male an einem der Häuser vorbeiwanderten, lehnte sich die Ausstellerin aus dem Fenster und fragte, ob sie nicht reinkommen wollten statt immer nur vorbeizulaufen. Ihre Arbeitskollegin gesellte sich dazu und sagte: "Ach ja, kommt ruhig rein. Ich nehme dann den Gemütlichen." Worauf die Erste empört erwiderte: "Toll, und ich soll schon wieder den Dicken nehmen oder wat."

Armer Herr Schulte, selbst wenn er gewollt hätte, bei solcher Behandlung verbietet schon die Selbstachtung die Aufnahme engerer Geschäftsbeziehungen. Und es wundert mich doch sehr, daß man in einem Metier, das dermaßen von der Illusion und der Kundenzufriedenheit lebt, ein fragiles männliches Ego so mit Füßen tritt. Vielleicht sollte die Dame umsatteln, in einem Domina-Studio anheuern und sich auf Demütigung spezialisieren. Bevor es dazu kommt, hat sich Herr Schulte aber bestimmt dank Ananasdiät in Luft aufgelöst.

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