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2004-09-06 - 13:03 - Der Corso der Licht-, Lese- und Ledergestalten

Nach einer anstrengenden Fahrt, die durch den Tod meines Kühlers, einen spektakulären Auftritt meines Autos als Nebelmaschine und einen längeren Aufenthalt in der schönen Stadt Prignitz geprägt wurde, kam ich Samstag wider Erwarten doch noch irgendwann in Berlin an. Und ich schaffte es sogar noch bis zur Folsom Fair, einer Art Open Air Improvisationstheater mit Figuren von Ralf König und einer kostenlosen Testosteron-Überdosis.

Die Jungs haben wirklich kein Klischee ausgelassen. Im Ensemble befanden sich alternde Ledertucken mit Lederweste über der graumelierten, multipel gepiercten Brust und Ledermütze auf dem kahlen Schädel, servile Maskenträger mit kiloweise Kettenbehang und jede Menge durchtrainierter Kerle mit bösem Blick in New Yorker Polizeiuniform. Man hatte unweigerlich das Gefühl, sich auf einem Casting für die Village People zu befinden.

Und trotzdem bedauerte ich zwischenzeitlich, nicht als Mann auf die Welt gekommen zu sein. All diese unglaublich muskulösen Oberarme, diese breiten Schultern und wohltrainierten Oberkörper, die knackigen Hintern in engen Uniformhosen. Und dann darf man als Frau nichts weiter als staunen, tief seufzen und einen Seitenblick auf den untrainierten, aber sehr wohlgenährten Bauch des Heterobegleiters werfen.

Der Neid währt allerdings nur solange die Freizeitcops die Muskeln spielen und ihren grimmigen Blick über die Menschenmassen schweifen lassen. Sobald sie sich in Grüppchen zusammenfinden und aufgeregt schnattern, ist die ganze schöne Illusion dahin. Dann nämlich knicken auch die härtesten Kerle die Hand zum internationalen Schwuchtelgruß ab und näseln aufgeregt in den höchsten Tonlagen: "Heeeiiinz, dich haben wir schon Stuuuunden gesucht. Buuuusssiiiii." Aus und vorbei.

Da fiel es mir auch nicht mehr sehr schwer, halbwegs frühzeitig den Heimweg anzutreten, um am nächsten Tag fit für die Abschlußveranstaltung zum Corso der Lichtgestalten zu sein. Diese Wanderausstellung von sechs Lichtskulpturen des Hamburger Künstlers Benjamin Schubert ist seit dem 1. August auf Deutschlandreise und hat jeden Abend in einer anderen Stadt Station gemacht, um zusammen mit dem Bundesverband Alphabetisierung auf die Situation der Analphabeten in Deutschland aufmerksam zu machen und Geld für das Alfa-Telefon zu sammeln.

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Gestern kam der Troß dann zur letzten Station nach Berlin, und es gab den ganzen Tag Programm drumherum. Natürlich auch das Naheliegendste: eine Lesung. Etliche Autoren, darunter auch so bekannte wie Alban Nikolai Herbst (dessen Lesung übrigens großartig war, ich wollte danach nur noch nach Hause gehen, meine Texte verbrennen und mich um eine Stelle als Fleischereifachverkäuferin bewerben), lasen den ganzen Tag über im Art Park.

Ja, ich habe auch gelesen und nochmals Ja, ich hab das bewußt nicht angekündigt, weil ich nämlich ein kleiner Feigling bin. Das war meine erste Lesung und ich war mir sehr sicher, daß ich mich öffentlich ganz grandios blamieren würde. Mir war schon Samstag während der Anreise permanent übel, ich habe die Texte die halbe Nacht dem genervten Hund vorgelesen und zwischenzeitlich diverse Leute mit meinem Gejammer am Telefon behelligt. Da wollte ich mich nicht auch noch vor der mir bis dahin wohlgesonnenen Leserschaft zum Idioten machen.

Unglaublich souverän, ich weiß (und zum Idioten mache ich mich mit diesem Eingeständnis natürlich trotzdem, aber darin hab ich ja reichlich Übung). Und da ich wider Erwarten nicht auf dem heißen Lesesessel verstorben bin, verspreche ich auch eine rechtzeitige Ankündigung, sollte ich noch mal öffentlich lesen. Viel souveräner wird das allerdings auch nicht ablaufen.

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