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2004-09-19 - 23:31 - Im Minirock auf Schalke

Ich versuche mein aktuelles Sportprogramm auch im Ruhrpott nicht zu vernachlässigen, und so verschlägt es mich recht regelmäßig nach Gelsenkirchen. In die eine Stadt also, die selbst Ruhrpott-Enthusiasten gerne von der Landkarte tilgen würden, weil man dort bei einem kurzen Spaziergang sämtliche Vorurteile bestätigt und gleich noch ein paar neue dazu bekommt.

An der Kasse eines Supermarkts erklärte ein Bochumer gestern, er würde lieber mit der Straßenbahn zu seiner Schwägerin nach Gelsenkirchen fahren als die Stadtgrenze mit seinem neuen Opel zu überqueren. Die Schwägerin hat nämlich keine eigene Garage, und er möchte sein bestes Stück nicht den ortsansässigen „Vandalisten“ schutzlos ausgeliefert sehen. Sein Gesprächspartner nickte verständnisvoll.

Als ich kurz darauf in der Gelsenkirchener Innenstadt eintraf, war weder von den Vandalisten noch sonstigen Bevölkerungsteilen viel zu sehen. Nur ein paar Teenager flanierten hüftwackelnd durch die Fußgängerzone und sondierten das Angebot von KiK über Reno bis zu C&A, um anschließend noch fix die Prepaid-Karte aufzuladen und Kippen zu kaufen.

Der Rest der Einwohner befand sich zu diesem Zeitpunkt schon „auf Schalke“, entweder live vor Ort oder von der Sitzgarnitur im Wohnzimmer aus. Fußball ist heilig in Gelsenkirchen. Noch viel heiliger als dem Schwager sein neuer Opel. Natürlich gibt es in Hamburg auch genug Fußballverrückte, aber deren An- oder Abwesenheit bestimmt nicht derart das Straßenbild. Das ist definitiv anders in Gelsenkirchen.

Das Fitneß-Studio war ebenso leer wie die traurige Innenstadt, von den Teenagern mal abgesehen, und aus jedem offenen Fenster wehten Schalke-Schals zur Untermalung der Live-Berichterstattung. In jeder Dönerbude läuft ein Fernseher und man tut gut daran, die Bestellung auf die Werbepause zu verschieben und sich bis dahin zu den Puschen tragenden Gästen zu gesellen.

Als absoluter Fußballignorant, daran konnte auch die Jugend im Pott nichts ändern, stehe ich diesen und ähnlichen Auswüchsen nur staunend gegenüber. Ich war dafür um so dankbarer für die Anwesenheit der hüftschwingenden Teenager, denn sie klärten eine Frage, die mir seit Tagen im Kopf herumging: „Wer soll das bitte tragen?“

Als ich nämlich Anfang der Woche zum wiederholten Mal vom Incompetence Center um eine Stunde vertröstet wurde, machte ich einen Abstecher zu H&M. Einkäufe dieser Art helfen kurzfristig über den Frust hinweg, schonen aber gleichzeitig das Konto im Hinblick auf drohende Reparaturrechnungen. Ich hatte schon im letzten Winter gedacht, daß die Röcke unmöglich noch kürzer werden könnten, mußte am Dienstag aber feststellen, daß sich auch breitere Gürtel noch als Röcke auszeichnen lassen.

Was jetzt folgt, mag ungewohnt spießig klingen, und es ist noch keine zwei Wochen her, da saß ich in einem Berliner Straßencafé und behauptete lautstark, Röcke könnten gar nicht zu kurz sein, sofern die Trägerin des Rocks halbwegs passend ausgestattet ist. Aber ich habe mich geirrt. Sie können. Ein Blick auf die aktuelle Kollektion beim schwedischen Textillaufhaus beweist es. Wer bitte soll diese Dinger tragen? Und muß man damit den ganzen Tag aufrecht mit dem Rücken zur Wand stehen?

Wie gesagt, ein Samstag nachmittag in Gelsenkirchen beantwortete diese und noch ganz andere Fragen. Während ich in Hamburg noch nie so ein Teil in freier Wildbahn gesehen habe, scheint der Micromini im Pott die einzige Alternative zur speckteilenden Hüfthose zu sein. Fast jede der anwesenden Frauen stellte die neueste Minimode und damit auch beinahe immer die aktuelle Intimfrisur zur Schau. Weil wat anderet alssen Schtring drunter geht ja gaaa nich.

Wenn sich eine der Rockträgerinnen im Kaufhaus bückte, um irgendwelche Körperpflegeprodukte aus einem der unteren Regale zu angeln, hatte man unweigerlich das Gefühl, sich in der Anfangssequenz eines drittklassigen Pornos zu befinden. Es hätte mich überhaupt nicht gewundert, wenn gleich darauf ein schmieriger Kaufhausdetektiv aufgetaucht wäre, um die Protagonistin grinsend einer peinlichen Durchsuchung zu unterziehen und zu einer „Unterredung“ in sein Büro zu bitten.

Und was lernen wir daraus? Die aktuelle Rockmode geht gar nicht und wird sich nur im Pott durchsetzen. Vielleicht noch in gewissen Teilen Berlins, in denen man schon mit zwölf mit zwei Bitches usw. Außerdem ist Lyssa definitiv mit zuviel Schmutz in Berührung gekommen, wird aber trotzdem (deshalb?) immer konservativer seit sie 29,95 geworden ist. Aber das ist alles eigentlich ganz egal, Hauptsache auf Schalke gibbet guten Fußball.

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