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2004-09-22 - 23:30 - Skandal um Rosi

Hurra, mein gediegener, sehr hanseatischer Stadtteil hat endlich einen eigenen Skandal vorzuweisen. Na gut, ein Skandälchen, aber immerhin mal etwas anderes als die Tatsache, daß die Redakteuse aus der Milchstraße mit dem Absatz ihrer kleinen Zickenschühchen im Hundehaufen gelandet ist und das Gemüse-Abo schon wieder nicht gut sortiert war. Ja, wir haben sogar fast schon einen richtigen Sexskandal in der winzigen, für Autos gesperrten Gasse ein paar Meter die Straße hoch.

Natürlich ist der Mini-Skandal nicht mit der Aufregung auf der anderen Alsterseite zu vergleichen, wo ein neu eröffnetes Bordell die Lücken in der spätsommerlichen Boulevard-Berichterstattung füllte, indem es zehn Freiflüge ins körperliche Glück per SMS verloste. Aber zumindest gibt es jetzt auch hier in dieser beschaulichen Ecke käufliche Liebe zu bestaunen.

In besagter kleiner Gasse hat nämlich eine Dame mit zweifelhaftem Ruf ihr Quartier in einer der Souterrain-Wohnungen aufgeschlagen und sorgt nun für regen Durchgangsverkehr. Dem Vermieter ist das sehr recht, denn Souterrain klingt zwar gut, ist aber selbst auf dem engen Hamburger Wohnungsmarkt nicht eben heiß begehrt. Schon gar nicht, wenn man 150 Euro mehr zahlen muß, bloß um im vermeintlich feinen Harvestehude in einem durch Minibad aufgewerteten Keller mit chronisch feuchten Wänden zu hocken.

Was dem Vermieter gefällt, muß seiner Wohngemeinschaft aber noch lange nicht passen. Während das muntere Kellertreiben der jüngeren Generation herzlich egal ist, sind viele der Alteinwohner mit 30+ Jahren im selben Haus auf dem Mietbuckel alles andere als glücklich über den gewerblichen Zuwachs. Sie wittern den Untergang Harvestehudes, wenn nicht gar des gesamten Abendlandes.

Rein rechtlich gesehen scheint die Dame aber auf der sicheren Seite zu sein. Prostitution ist, man stelle sich das bloß mal vor, nicht verboten, und es handelt sich bei der Gasse auch um keine reine Wohngegend, wie der dort ansässige Friseur beweist. Da man also der Gewerbetreibenden nicht an die Unterwäsche kann, hat die Armada der Aufrechten jetzt ihre Kunden ins Visier genommen.

Die sind nämlich gezwungen, ihr Auto irgendwo in der Umgebung zu parken und dann zu Fuß durch die kleine Gasse zu laufen. Dabei finden Erstbegeher nicht immer auf Anhieb den richtigen Keller oder müssen noch ein paar Minuten auf ihren Termin warten. Diese armen Männer mit schlechtem Timing sind nun nicht nur den schauderhaften Witterungsbedingungen, sondern vor allem der heiligen Empörung der Hausbewohner schutzlos ausgeliefert.

Eine ältere Dame hat es sich zur Angewohnheit gemacht, bei jeder Gelegenheit ihr Fenster aufzureißen (Bewegung am offenen Fenster hält bis ins hohe Alter fit) und quer durch die Gasse mit ihrer glockenhellen Stimme in Richtung des Kunden zu rufen: „Suchen Sie vielleicht die Prostituierte? Da müssen Sie eine Tür weiter klingeln. Da unten, sehen Sie?“ Sie wedelt erklärend mit der fleckigen Hand und behält den Mann freundlich lächelnd im Auge.

Mit so viel Hilfsbereitschaft hätten die Herren allerdings nicht gerechnet und nicht wenige ergreifen verwirrt die Flucht. Die ältere Dame gestattet sich ein höchst zufriedenes Grinsen und das Fenster geht wieder zu. Bis zum nächsten Mann im Anzug.

Dieses Prozedere behagt den Arbeitgebern der Gewerbetreibenden allerdings so gar nicht. Sie sahen sich daher leider genötigt, den Vermieter um ein Gespräch zu bitten. Ein ganz freundliches Gespräch unter Geschäftspartnern natürlich nur. Ein Gespräch, bei der die eine Seite mit leiser Stimme und hartem osteuropäischem Akzent ihr Problem schilderte und die andere Seite überlegte, ob der Keller nicht doch besser als Hobbyraum zu nutzen wäre.

Seither, so munkelt man, wirbt der Vermieter um Verständnis bei der Hausgemeinschaft und bietet alleinstehenden älteren Damen mit kleiner Rente einen gewissen Nachlaß bei der Miete an. Die Damen sind entzückt, müssen aber natürlich trotzdem weiterhin Gymnastik am offenen Fenster machen. Schon allein der Gesundheit wegen. Man darf gespannt sein.

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