Lyssas Lounge
new old cast guestbook email linksLinks
Lyssas Lounge Lyssas Wunschliste

 
mindestenshaltbar.net

Blogtalk Reloaded

XML
2004-09-23 - 23:40 - Als Herrn Müller einmal der Hut hochging

In Nordrhein-Westfalen wird am Sonntag kommunal gewählt. Das Land befindet sich seit Wochen im wahlkampfbedingten Ausnahmezustand. In den Innenstädten steht an jeder Ecke ein freundlicher Mensch mit einem großen Packen Handzettel unterm Arm, der im Zweifel auch bereit ist, über Hartz IV zu diskutieren und der sein Zähneknirschen geschickt als Lächeln tarnen kann.

Man wird kaum noch einen Baum ohne Politikerkonterfei daran finden, und wenn man es trotzdem bis in die eigenen vier Wände geschafft hat, ohne an die Wahl zu denken, dann klingelt es, und das fleischgewordene Konterfei steht plötzlich höchstpersönlich vor der Tür. Basisarbeit nennt sich das und ist für beide Seiten gleichermaßen anstrengend.

In Bochum würde die Stadtkämmerin Ottilie Scholz gerne den scheidenden Oberbürgermeister beerben, was dank der politischen Anstrengungen einiger Berliner auch im rußigen Herzen der Sozialdemokratie keine leichte Aufgabe ist. Daher hat sie sich Anfang der Woche Beistand aus dem hohen Norden geholt. Frau Simonis kam höchst persönlich, um ein wenig Imageförderung zu betreiben. Und was tun Freundinnen, wenn sie ein bißchen Zeit haben?

Genau, sie gehen shoppen. Im aktuellen Fall natürlich nicht allein, denn sonst wäre der schöne Besuch ja für die Katz. Also bummelten die beiden ganz entspannt durch die regennasse Innenstadt und kehrten hier und da mal ein. Ganz ungezwungen natürlich und in bester Kaufabsicht. Der Troß an Kameraleuten und Zeitungsschreiberlingen fiel dabei wirklich nicht groß auf.

Und weil die nette Frau Simonis doch diesen bundesweit bekannten Hut-Tick hat, wollte man auch gerne einen Blick auf die aktuelle Kollektion bei „Hut Müller“, Bochums erster (und einziger) Adresse für Kopfbedeckung werfen. Das hätte bestimmt hübsche Pressefotos gegeben: Die Frau Simonis probiert Hüte auf und ihre gute Freundin, die Frau Scholz, gibt einen heiteren Kommentar dazu ab. Dann kichern beide wild, haken sich unter und marschieren unter Blitzlichtgewitter wieder in den Regen.

Leider hatten die PR-Strategen ihre Planung ohne den Herrn der Hüte gemacht. Herr Müller läßt sich nämlich nur sehr ungern vor fremde Karren spannen, auch nicht von zwei quietschvergnügten Freundinnen. Er lebt von seiner treuen Stammkundschaft, die er liebevoll umsorgt, was sie ihm durch regelmäßige Einkäufe dankt (das Gebilde auf dem mittleren Foto ist ein solcher Müller-Hut), und ist Fremden gegenüber erst mal mißtrauisch. Erst recht, wenn sie mit Entourage in sein Hut-Imperium einfallen.

Herr Müller ist eben, und das hätten die PR-Planer eigentlich wissen müssen, in jeder Hinsicht einzigartig und damit auch ziemlich unberechenbar. „Schrecklich exzentrisch“ lautete seinerzeit der knappe Kommentar meiner Oma. Herr Müller ist über 80, öffnet aber trotzdem noch jeden Morgen selbst seinen Laden. Sein tuckiges Gebaren unterstreicht er geschickt mit teuren Nadelstreifenanzügen nebst passendem Einstecktuch.

Sein Laden hängt voll mit riesigen Schwarzweiß-Fotos aus seiner Zeit als deutscher Meister im Eiskunstlaufen, und er nutzt jede Gelegenheit, um ausgiebig davon zu erzählen (ich verspreche, beim nächsten Bochumbesuch mit Kamera zu ihm zu fahren und dann Details zu bloggen). Inzwischen macht sich jedoch das Alter bemerkbar.

Er sucht immer länger im Laden nach dem passenden Hut und ist außerdem ziemlich schwerhörig, was es nahezu unmöglich macht, ihn bei der Suche zu unterbrechen, wenn man den gewünschten Hut schon selbst gefunden hat. Er versteht überhaupt nur etwas, wenn man ihm direkt ins Gesicht brüllt. Am besten überläßt man ihm das Reden und Hüte suchen. Er taucht dann regelmäßig wieder hinter einem Regal auf, setzt einem den nächsten Hut auf, knickt das Handgelenk ab und sagt: „A-ller-liebst.“ Anschließend tätschelt er einem den Kopf und lobt das schöne Haar.

Wirklich schade, daß die nette Frau Simonis das alles verpaßt hat. Aber man darf Herrn Müller in all seiner tuckigen Pracht nicht unterschätzen. Er weiß sehr genau, was er nicht will. Statt lobender Worte erlebten die Wahlkämpferinnen einen recht unsanften Rauswurf, den einzigen bei ihrer Tour, versteht sich. „Was soll das denn werden? Ich kenne Sie nicht mal, und angemeldet haben Sie sich mit Ihrem Zirkus bei mir auch nicht. Am besten gehen Sie gleich wieder raus.“ Sprach’s und drehte sich um, so daß alle weiteren Annäherungsversuche außerhalb seiner Hörweite bleiben mußten.

23 Zwischenrufe | 1 TrackBacks

zurück | vor

Schon gelesen?

2007-06-28 - In einem Taxi nach Paris Damaskus

2007-06-25 - Gruß aus Amman

2007-06-12 - Kumbayah mit Anfassen

2007-02-27 - Irmela Schwab und der Elektrakomplex

2007-01-08 - Mann zum Unter-die-Erde-Bringen gesucht