Der kirchliche Teil der Blogger Hochzeit begann mit einem eher ungewöhnlichen Zug durch die Gemeinde. Das Paar wohnt an einem Ende in St. Georg, Hamburgs schwulstem Viertel, und die Kirche liegt fast genau am anderen Ende. Also beschloß man, früh aufzubrechen und quer durchs Viertel zu laufen, die Braut in ganz großer Robe mit Vater und Blumenmädchen vorweg, Trauzeugen und eine Entourage aus Frauen in Abendkleidern hinterher.

Da sich das Wetter allen Vorhersagen zum Trotz der Hochzeit zuliebe entspannt zeigte, waren viele potentielle Zuschauer unterwegs, was die Brautparade zu einer Mischung aus Mini-CSD und Königinnentag im schwulen Teil Amsterdams machte. Die Fähnchen fehlten und das charakteristische Queen Lizzy Winken müssen wir alle noch üben, aber die Kußhände sahen schon ziemlich gut aus.
Etliche andere Hochzeitsgäste hatten weniger Glück und blieben bei der Anreise in einer Bambule-Demo stecken, so daß sie auf Räumfahrzeuge und Polizeiketten starren mußten, anstatt den Einzug der Braut in die Kirche zu bewundern. Der Organist, ein Freund des Paares, traf zum Glück in buchstäblich letzter Minute noch ein. Die sehr kurzweilige Trauzeremonie paßte perfekt zur darauffolgenden Hochzeitsfeier - wunderschön und romantisch, aber nie verkitscht oder gar pathetisch.

Es wurde viel geweint, etwa als eine enge Freundin ein Solo mit Orgelbegleitung sang, und es wurde mindestens ebenso viel gekichert, als der Pastor sich ausgiebig über die Liebe in der Vertikalen und der Horizontalen ausließ. Mein charmanter Begleiter Frank, um den mich fast alle Frauen rasend beneideten (und nicht wenige paßten mich auf der Damentoilette ab, um sich nach seinem Beziehungsstatus zu erkundigen, bloß um dann schon an seiner sexuellen Orientierung zu scheitern, sorry Mädels), brachte es auf den Punkt: Ein sehr festlicher Rahmen, aber trotzdem die ehrlichste Hochzeit seit langem. Völlig ungekünstelt, alles echt, Gefühle und Anwesende inklusive.
Die Rede des Abends hielt eindeutig der Brautvater und zwar auf Plattdeutsch und mit Tränen in den Augen. Nach dem Eröffnungstanz, bei dem Maximilian sich abwechselnd konzentriert auf die Lippe biß, um dann gleich wieder verzückt seine Frau anzuhimmeln, unterschrieben etliche Paare in Gedanken sofort die Anmeldung zu der Tanzschule, in der auch das Brautpaar seit geraumer Zeit trainiert. Angesichts dieser Darbietung traute sich zunächst niemand mehr aufs Parkett, später wollte es keiner mehr verlassen.
Auch ich nicht, was hauptsächlich einer reizenden jungen Frau und einem nicht weniger charmanten und sehr, sehr großen Mann zu verdanken ist. Letzterer hat mich unerwartet von einem alten Jugendtrauma kuriert. Damals, als man in den mit Korkplatten tapezierten Hobbykellern irgendwelcher Eltern Engtanzfeten veranstaltete und im Garten hinterm Haus erste Küsse austauschte, war ich ein klassisches Mauerblümchen. Absolut uncool, gut einen Kopf größer als alle Jungs und natürlich ungeküßt. Niemand, mit dem man ohne ausdrückliche Aufforderung eines Erziehungsberechtigten tanzen wollte.
Heute erbarmen sich zwar gelegentlich Männer ganz ohne Zwang, aber das Jugendtrauma blieb. Bis Samstag abend. Bis zu Mr. Zwei-Meter-Sieben, irgendeiner U2 Schmonzette und 3:45 Minuten mit meinem Kopf irgendwo unterhalb seiner Schulter vergraben. Schön. Ich hab jetzt eine Ahnung davon bekommen, wie sich kleine Frauen fühlen müssen.
Und warum viele im Gegensatz zu mir so ungern Brillen tragen. Ich finde sie normalerweise nämlich sehr praktisch. Sie stehen mir und an schlechten Tagen verdeckt das richtige Modell die tiefen Augenringe. Wenn der Partner aber nun wesentlich größer ist, dann stößt man ständig mit der Brille etwa in Brusthöhe an seinen Anzug. Sehr unpraktisch, Augenringe hin oder her.
Von Mr. Zwei-Meter-Sieben und dem alles überstrahlenden Brautpaar mal abgesehen, war es eindeutig der Abend der schönen Frauen in großen Roben. Das fanden auch die Frauen selbst und nutzten die Gelegenheit, um die Männer an der Seitenlinie stehenzulassen, bevorzugt mit anderen Frauen zu tanzen und sich auch sonst ... näherzukommen. Ganz so, wie man sich eine Hochzeit im Kreis meiner komischen Freunde vorstellt (mehr dazu auch hier von einer der schönen Frauen selbst).

Darauf waren die Arbeitskollegen natürlich nicht vorbereitet, und vor allem einer von Maximilians Kollegen hatte schwer mit seinen Hormonen sowie mit seinem Weltbild zu kämpfen. Man sah ihn lange am Tresen stehen, und wenn man näherkam, konnte man auch sein Gemurmel verstehen: „Und ich dachte, ich kenn das Leben.“
Und zur Feier des Tages Bilder für fast jeden Geschmack:




Nochmals vielen Dank für die wunderschöne Feier und ... ach, Ihr wißt schon. Ihr seid wundervoll. Gute Reise!
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