Immer wenn ich mit der Bahn fahre, habe ich das Gefühl, den Tiefpunkt deutscher Servicekultur erreicht zu haben. Die Züge sind selten pünktlich, noch seltener gibt es mal die gewünschte Steckdose, dafür werden Plätze gerne auch doppelt reserviert und man sieht sich kampflustigen, schwitzenden Mittsechzigern mit „Sitzplatzanspruch, junge Frau“ gegenüber.
Reist man mit Hund, vervielfacht man gleich die Misere. Keiner weiß so recht, ob man für einen Hund von der Größe meines Monsters eine Kinderkarte lösen muß oder nicht. Dann kommt ein Zugbegleiter („Reisendenbegleiter“ würde wohl falsche Erwartungen wecken) und entläßt das arme Tier aus seinem engen Transportkorb, der nächste beordert ihn zurück in den Käfig, wieder ein anderer will ihm einen Maulkorb verpassen, und ich sitze da mit einem zitternden, geduckten Tier auf dem Schoß, das nur noch entfernt Ähnlichkeit hat mit einem unerschrockenen Taubentöter.
Gehe ich dann aber zum Postamt meines Vertrauens, muß ich feststellen, daß sich auch der vermeintliche Tiefpunkt noch elegant unterschreiten läßt. Heute morgen wollte ich nur ganz schnell einen einzigen Brief abschicken, hatte aber keine Briefmarken mehr im Haus und ging kurzentschlossen zur Post – mit 2,50 Euro in der Hosentasche. Ein schwerer Fehler. Denn seit neuestem bekommt man bei der Post die Briefmarken nur noch im Zehnerpack, also nicht für 2,50 Euro.
Beschwert man sich fassungslos darüber, erhält man ein müdes Schulterzucken und ein lapidar hingeworfenes „Befehl von oben“ als Antwort. „Oben“ ist natürlich nie eine greifbare Person, womöglich noch vor Ort in der Filiale, sondern immer nur ein amorphes Wesen, dem der Zorn der aufgebrachten, weil mit Kleingeld gestrandeten Kunden nichts anhaben kann. Deshalb nennt man dem Kunden vorsichtshalber auch keine Beschwerdestelle, würde ja eh nichts bringen.
Zum Glück hatte die Frau hinter mir in der Schlange mehr Geld dabei und die nötige Geistesgegenwart, gleich mehrere Zehnerpacks zu kaufen. Damit öffnete sie ihre eigene Filiale in der Filiale und verkaufte einzelne Briefmarken an genervte Kunden. Zumindest bis der Filialleiter sie wegen Störung des Betriebsablaufs vor die Tür setzte. Danach stellte sie sich vergnügt unters Vordach und fing die Kunden gleich vor der Tür ab.
Die Geburtsstunde eines neuen Geschäftszweigs: Briefmarkeneinzelhändler.
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