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2004-10-05 - 23:51 - Der Showdown der Schönen und Höflichen
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Das hat mir gerade noch gefehlt. Eine Schnitzerwerkstatt in unmittelbarer Nähe meiner Wohnung. In Zukunft werde ich auf meinen Gassirunden (ungeschminkt und in Gummistiefeln) RTL2-Zuschauerinnen begegnen müssen, die gewillt sind, um jeden Preis den inneren Schwan zu befreien. Drei Tage später ist das Entlein dann aufs Doppelte angeschwollen, in Binden gehüllt und macht meine beschauliche Nachbarschaft zu einer Tageslicht-Geisterbahn.

Die Zahnarzt-Gattinnen Beauty Salons, die hier rechts und links angesiedelt sind, machen bereits mobil. Sie haben ihre übliche Diskretion aufgegeben, bei der ein dezentes Schild am Hauseingang reichen mußte, und hängen jetzt große Werbeschilder raus: „Lifting ohne Laser. Mit Dr. Dingsbums Bioresonanzblabla.“ Hoffentlich ist das nicht ansteckend.

Im Verlauf der mittäglichen Runde begegnete ich dann erst einem ganzen Pulk von Japanern und schließlich, etwa einen Kilometer weiter, einem älteren japanischen Herrn, der verzweifelt mit einem Stadtplan hantierte. Als geradezu zwanghaft höflicher Mensch, außerdem stets bemüht das Image der Hansestadt zu polieren, bot ich in feinstem Englisch meine Hilfe an. Wahrscheinlich war der Mann mindestens ebenso zwanghaft höflich wie ich.

Er verstand nämlich ganz offensichtlich kein Wort, lächelte mich aber trotzdem strahlend an und sagte immer abwechselnd „yeeees, yeeees“ und „nooo, nooo“. Dann verbeugte er sich und lächelte wieder, anstatt mich einfach in seiner Muttersprache zum Teufel zu schicken. Leider steigerte das wiederum meinen eigenen Höflichkeitskomplex. Ich fühlte mich geradezu verpflichtet, den armen Mann auf den rechten Weg zu bringen. Oder es zumindest mit ambitioniertem Kartendeuten zu versuchen. Er verstand natürlich immer noch nichts, sondern drehte nur die Wattzahl seines Lächelns nach jedem vergeblichen Versuch etwas auf.

Wir hatten eine klassische Pattsituation. Aber als ich mich geschlagen gab und nach einem höflichen Abschiedslächeln die Straße überquerte, trottete er mir einfach hinterher, offensichtlich überzeugt von Hamburgs nettem Vor-Ort-Begleitservice. Ich wäre ihn gerne wieder losgeworden, aber es schien mir nicht der rechte Zeitpunkt für abruptes Einstellen meines Höflichkeitsprogramms zu sein.

Also wechselte ich die Richtung und hoffte, ihn nach einem kurzen Spaziergang bei der Gruppe Japaner abliefern zu können. Selbst wenn das nicht sein Rudel sein sollte, so würden sie sich doch zumindest mit ihm verständigen können. Wir spazierten gemeinsam an der Alster entlang, und ich erklärte aus reiner Verzweiflung Dinge, die er nicht verstehen konnte, aber begeistert mit „yeees, yeees“ und „nooo, nooo“ quittierte. Der Preis für das skurrilste Alster-Paar ging definitiv an uns.

Zum Glück stand die Reisegruppe noch da, wo ich sie zuletzt gesehen hatte, und war immer noch damit beschäftigt, sich gegenseitig am Bootsanleger zu fotografieren. Sie freuten sich sehr über die Rückkehr des verlorenen Herrn, und der Reiseleiter bedankte sich wortreich bei mir. Das versöhnte mich sofort wieder mit der Situation, aber dennoch vermied ich auf dem Rückweg jeglichen Blickkontakt. Sicherheitshalber. Wer weiß, wen ich sonst noch kennengelernt hätte.

Irgendwie beruhigend, daß ich meinen Höflichkeitskomplex zumindest bei paarungswilligen Männern schon länger abgelegt habe.

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