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2004-10-26 - 12:43 - Mit dem Literatenmobil ins Theater

Die Taxiunternehmen dieser Stadt scheinen sich gegen mich verschworen zu haben. Und das obwohl ich ihre Dienste nur sehr selten nutze, immer freundlich bin und ein anständiges Trinkgeld gebe. Aber sie schicken mir nur noch Taxifahrer, die in Wahrheit tragisch verkannte Literaturgenies sind und bei jeder sich bietenden Gelegenheit (freundlich lächelnde Kundin sieht zu höflich aus, ihnen einfach den Schädel einzuschlagen und hat’s zu eilig, um auszusteigen und zu Fuß zu gehen) von ihrem revolutionären Werk berichten.

Kürzlich erwischte ich einen, der in epischer Breite von einer entgangenen Erbschaft berichtete, was ihn überhaupt erst dazu zwang, als Taxifahrer zu arbeiten. Schuld an dem Schlamassel waren natürlich die intriganten Verwandten in England und diversen königlichen Überseekolonien, die ihn mittels einer Verschwörung internationalen Ausmaßes um den gerechten Anteil am Erbe einer Frau gebracht hatten, mit der er eigentlich gar nicht verwandt war.

Er hatte mich schon verloren, als die Erzählung über den Kanal sprang, aber das wird ihn wohl kaum daran hindern, den beabsichtigten Schlüsselroman zu verfassen, der natürlich zugleich die deutsche Literatur revolutionieren und dem Jahrhundert seinen Stempel aufdrücken wird. „Gesine Kreidefleiß“, sagte er, „den Namen sollten Sie sich merken. Diese Figur wird aus der Literaturgeschichte nicht mehr wegzudenken sein.“ Aber da hatte ich mich selbst schon längst weggedacht.

Gestern abend dann ein Taxifahrer um die 30, dessen Basset-Blick sofort das gebrochene Herz verriet und sicherheitshalber jegliche Kommunikation verbot. Nutzte aber nix. Er begann von sich aus über die Kaltherzigkeit der Frau im allgemeinen und die Grausamkeit seiner Exfreundin im besonderen zu berichten. Ich rang mir ein freundliches Lächeln ab, obwohl mir angesichts meiner weiblichen Kaltherzigkeit mehr der Sinn nach Beleidigungen gestanden hätte, und umklammerte meine Handtasche bis die Fingerknöchel weiß wurden.

Und dann sagte er das Unaussprechliche: „Jetzt verarbeite ich meine Trauer in Gedichten. Wollen Sie mal lesen?“ Wollte ich nicht, mußte ich aber trotzdem. Ich trug hohe Absätze und irgendwas kleines Schwarzes und konnte schlecht in den Regen flüchten. Also nahm ich schicksalsergeben einen getackerten Stapel Fotokopien entgegen, der sein gesammeltes Herzleid gedichtet in der Tradition seiner persischen Vorfahren enthielt. Aber so hatte ich wenigstens die Wahl zwischen Männerleidlyrik und modernem Theater.

Marcs Kanzlei hatte nämlich Anwälte nebst Partner zu einem Abend mit „Othello“ im Schauspielhaus geladen. Natürlich mit Häppchen, Sekt und Intendanten-Plausch drumherum (was sich übrigens wesentlich entspannter und unterhaltsamer gestaltete als erwartet, auch Anwälte können mich noch überraschen). Aber ich hege tiefes Mißtrauen gegenüber frenetisch gefeierten modernen Inszenierungen.

Als Kind der Post-Zadek-Ära in Bochum, das schon früh von den Eltern mit ins Theater und in die Oper geschleppt wurde, dachte ich lange, Schauspieler müßten nackt sein und Theater würde überall gespielt nur nicht auf der Hauptbühne. Es dauerte ein Weile, bis ich begriff, daß Kostümbildner kein aussterbender Beruf ist, man nicht immer mit jedem Akt in einen anderen Teil des Theaters umziehen muß und man Stücke tatsächlich so auf die Bühne bringen kann, das der Inhalt verständlich wird.

Gestern also Othello unter der Regie von Stefan Pucher in der relativ modernen, aber keineswegs textvergewaltigenden Übersetzung von Frank Günther. Natürlich gab es auch hier Nackte (Marc, der ziemlich kurzsichtig ist, aber aus Eitelkeit keine Brille und aus Faulheit keine Kontaktlinsen trägt, wollte sich angesichts von Othello unter der Dusche plötzlich ganz dringend meine Brille leihen) und der Mord an Cassio fand auf dem Bahnhofsvorplatz statt, während ständig hupende Busse zwischen Zuschauern und Schauspielern fuhren. Aber ich mußte sämtliche Vorurteile über Bord werfen (zusammen mit den Taxifahrergedichten).

Die Inszenierung ist fantastisch, und das ist eine dringende Besuchsempfehlung für Hamburger. Der Text ist sehr behutsam gekürzt, und das sich zwischenzeitlich drehende Bühnenbild einfach großartig. Ausnahmsweise wirkten Videosequenzen mal nicht so, als sei Mola Adebisi auf Koks Regie-Assistent gewesen, sondern paßten als hätte es nie Theater ohne Video gegeben.

Othello selbst ist mit seiner rotzigen, breitbeinigen Attitüde gewöhnungsbedürftig, aber beeindruckend. Desdemona ausnahmsweise mal nicht nur mädchenhaft zart und ein reiner Spielball männlicher Intrige, sondern irritierend verführerisch mit Schlafzimmerblick und bedeutungsschwangerem Grinsen. Man weiß nie so genau, was sie ausheckt, aber man traut ihr definitiv alles zu (natürlich ist sie am Ende trotzdem unschuldig und tot). Es wäre dennoch nett gewesen, hätten sie auf die eine oder andere Gesangseinlage verzichtet.

Und dann der alles überragende Jago. Vom ersten Satz an umwerfend. Ich könnte jetzt mit Superlativen um mich werfen, würde aber heute trotzdem nicht mehr mit dem Schwärmen fertig werden. Was kann ich da noch sagen außer: Hingehen, selbst erleben, das ist ein Befehl! Aber fahrt mit dem Bus, nicht mit dem Taxi.

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