Statt trick-or-treat kurvte ich heute mit Hund und Besuch durch Hamburg. Die Kinder, denen wir unterwegs begegneten, konnten wir dank ausgiebiger Feierei am Vorabend auch ganz ohne gruselige Halloween-Masken wunderbar erschrecken. Die zusätzliche Sauerstoffzufuhr beim Elbspaziergang mit Hund trug leider weder zur Verbesserung des Aussehens noch der geistigen Leistung bei.
Auf dem Rückweg fuhren wir an einem dieser riesigen Gebäude mit Fabrikhallen-Charme vorbei, an dem große neonfarbene Lettern prangten. „Angel Sport“ stand da. Herr Schulte fiel sofort seinem übernächtigten Zustand in Kombination mit diesem unerklärlichen Rotlicht-Fetisch zum Opfer und verkündete vom Rücksitz aus mit kratziger Stimme: „Äindschel Sport ... das ist doch bestimmt so ein Billig-Puff.“
Den Rest der Fahrt verbrachte er schmollend, während ich haltlos kichernd immer neue Abarten des guten alten Fischfangs testete, die jeden anständigen Angel-Freund zur Weißglut getrieben hätten. Was zum Beispiel ist dann ein Angel-Schein? So eine Art Zehner-Karte ins Glück? Muß man den Sport unbedingt im Verein betreiben? Und wo ist Angies Haken?
Vor allem aber: Warum mußte ich gerade eben meine guten Vorsätze brechen? Ich hatte mir nach dem letzten Eintrag über den zweifelhaften Lebenswandel von Herrn Schulte geschworen, derartige öffentliche Plaudereien künftig zu unterlassen. Dieser Eintrag stand nämlich immer noch als aktuellster im Netz, als plötzlich mein Telefon klingelte, und ich zum ersten Mal seit ungefähr zehn Jahren wieder die Stimme meines ehemaligen Englischlehrers vernahm.
Unterrichtet hat er mich zwar nur in der Unterstufe, aber ich durfte bis zum Abitur in seiner vielgepriesenen English Drama Group Theater spielen – wobei der Erfolg der Truppe eindeutig talentierteren Menschen als mir zu verdanken war. (Aus unerfindlichen Gründen war ich nur in der Rolle einer garstigen, ehemannunterdrückenden Mörderin halbwegs überzeugend.) Er rief an, weil er die alten Videoaufnahmen unserer Auftritte digitalisiert hat (technischer Fortschritt ist böse, ganz, ganz böse) und um Weihnachten herum ein Treffen mit allen ehemaligen Akteuren plant, deren äußerst peinliche Jugendsünden nun für immer sauber archiviert sind. Hoffentlich gibt’s genug Alkohol.
Meine Telefonnummer hatte er von meiner Mutter, die es natürlich nicht für nötig gehalten hatte, mich vorab darüber zu informieren. Und im Verlaufe dieses Telefonats fiel dann der unheilvolle Satz, der zum soeben gebrochenen Schwur führen sollte: „Ich hatte Sie aber auch schon gegoogelt.“ Mir schwante Übles. Ich saß grad nicht an meinem Rechner und überlegte panisch, was ich in letzter Zeit so geschrieben haben könnte.
„Das ist ja interessant, was Sie inzwischen so alles machen.“ Und dann fiel es mir wieder ein: Herr Schulte im Bordell. Ich konnte an nichts anderes mehr denken. „Sind das alles Geschichten von Ihnen da auf der Seite?“ Ein geräuspertes Ja als Antwort. Und Herrn Schulte im Bordell im Kopf. „Und das haben Sie alles so erlebt?“ Jaja. Herr Schulte im Bordell als verdammter Loop in meinem Kopf.
Und dann der letzte Satz: „Aha. ... Das ist ja sehr ... ähem ... speziell.“ Ich gelobte Besserung. Weihnachten werde ich trotzdem auf den Osterinseln verbringen. Sicher ist sicher.
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