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2004-11-08 - 16:27 - Wie der Herre, so das Gescherre

Da dezente politische Einschübe hier offensichtlich vermehrt zu Herz-Rhythmus-Störungen und unkontrolliertem Sprachfluß führen, kehren wir vorerst zurück auf die Straße, wo bekanntlich das wahre, das wilde und gefährliche Leben herrscht. Selbst im beschaulichen Harvestehude, wie ich heute feststellen durfte.

Irgendwo entlang unserer üblichen Mittags-Route, die den Hund zu seinen Lieblingsbäumen und mich zu meinem Lieblingskaffeeverkäufer führt, wanderte auch eine sehr alte, scheinbar gebrechliche Dame mit einem dieser kleinen, wolligen Westhighland-Terrier, die immer ein bißchen nach Comiczeichnung aussehen. Die beiden Hunde sahen sich schon von weitem, zerrten aufgeregt an der Leine und wedelten hektisch mit dem Schwanz.

Auch beim Näherkommen sah die Dame noch sehr gebrechlich und der Hund einfach nur niedlich aus. Alles nur Fassade, wie wir im direkten Kontakt erkennen mußten. Kaum waren wir nah genug, um die Hunde ihrem üblichen Beschnupperungsritual zu überlassen, biß das kleine weiße Knäuel ohne Vorwarnung und immer noch freudig schwanzwedelnd meinem Hund in die Nase. Der wiederum erinnerte sich sofort an seine glorreiche Vergangenheit als Straßenköter und schlug erbarmungslos zurück.

Die plötzlich gar nicht mehr so freundliche alte Dame begann gleich in den höchsten Tönen zu zetern und mit ihren kleinen Mary-Poppins-Stiefeln nach meinem Hund zu treten, obwohl es unmöglich war, in dem knurrenden, schwarz-weißen Knäuel aus fliegendem Fell irgend etwas gezielt zu erwischen. Also beugte ich mich runter, um dem unrühmlichen Spektakel ein schnelles Ende zu setzen. Dabei machte ich mir weniger Sorgen um mein straßenkampferprobtes Monster als um das scheckheftgepflegte weiße Wollknäuel, das bestimmt nicht wußte, woraus es da so einen herzhaften Biß nahm.

Diesen Moment aber nutzte die kleine Frau, um ihre Litanei durch schnelle Schläge mit der Handtasche auf meine Schulter zu unterstützen. Vielleicht wollte sie mich damit auch nur ein wenig zur Eile antreiben. Wer weiß, vermutlich hat ihre Mutter das damals, anno 1924, mit dem Kindermädchen ebenso gemacht. Ich mußte mich zumindest angestrengt auf die Hunde konzentrieren, um nicht versehentlich meine Handtasche auf dem Kopf der alten Dame landen zu lassen. Aber ich wollte nicht schon wieder in der Mopo über mich lesen müssen, schon gar nicht: „Sexbloggerin schlägt Kaufmanns-Witwe k.o.“

Als die Hunde endlich voneinander befreit waren, gingen wir leise murmelnd, aber erhobenen Hauptes unserer Wege. Sowohl die Hunde als auch ich sahen reichlich zerrupft aus, nur die schlagkräftige Dame gab immer noch ein so makelloses Bild ab, wie man das von alteingesessenen Harvestehuder Kaufmannswitwen erwarten würde. Allein das blutige Ohr ihres zerzausten Hundes dürfte den zufälligen Beobachter etwas irritieren.

Mein Hund sieht längst wieder den Umständen entsprechend gesittet aus, würgt aber immer noch in regelmäßigen Abständen weiße Haarbüschel hervor. Ich werde ihm bald ein größeres Körbchen kaufen müssen, damit genug Platz ist für all die Skalpe seiner kleinen, wolligen Feinde.

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