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2004-11-09 - 13:12 - Allein am falschen Ort zur völlig falschen Zeit

Heute vor 15 Jahren fiel die Mauer, ganz Deutschland war mit Gänsehaut überzogen und ich hab alles verpaßt. Ausgerechnet bei dieser einzigartigen Gelegenheit, in diesen turbulenten Tagen, in denen so ziemlich jeder Geschichte schreiben durfte und alle Welt auf Berlin blickte, blickte ich als Austauschschülerin auf ein Kreuz in einer baptistischen Schule im fernen Kansas.

Von der DDR selbst hatte ich für eine Westdeutsche dank großer Sippschaft im Osten und regelmäßiger Besuche noch relativ viel mitbekommen. Von ihrem Ende so gar nichts. Ich war diejenige, die schlechte Trabi-Witze erst dann hörte, als sie schon längst wieder passé waren. Ich wurde Austauschschülerin, um endlich mal etwas zu erleben. Dann landete ich in einem streng religiösen Irrenhaus in Isolationshaft, während die Daheimgebliebenen etwas erlebten. Die Geschichte kann ein echtes Luder sein.

Als ich morgens ahnungslos zur Schule kam, traf ich als erstes meinen Geschichtslehrer; den einzigen Lehrer in der Schule, der schon mal in Europa war, mehr als nur Englisch sprach und auch in der Lage war, nicht-religiöse Diskussionen zu führen. Er begrüßte mich mit den Worten: "Congratulations! The wall is coming down!" Ich antwortete müde "Yeah, right" und stiefelte in den Unterricht. Halt, nein, erst zum Morning Prayer. Während des Schulgebets dachte ich noch, daß Mr. K. doch irgendwie ein ganz witziges Kerlchen sei.

Einige Stunden später holte mich die Schulsekretärin etwas atemlos aus dem Unterricht und sagte, daß mein Mutter gleich noch mal anrufen werde. Es sei dringend. Also saß ich nervös im Zimmer des Schuldirektors, der zugleich mein Gastvater und der Hauptprediger der Gemeinde war, und hatte Horrorvisionen von dem, was passiert sein konnte. An die Berliner Mauer dachte ich natürlich nicht mehr.

Dann rief meine Mutter endlich wieder an und heulte. Sie heulte ununterbrochen und brachte keinen vernünftigen Satz zustande. Ich war panisch. Mir war klar, daß mindestens meine gesamte Familie, inklusive Hund minus heulende Mutter auf tragische Weise aus dem Leben gerissen worden sein mußte. Vermutlich war auch das Haus weg, und wir hatten nur noch die Wahl zwischen Obdachlosigkeit in Deutschland oder einem Leben im religiösen Wahn in den USA. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt für das so oft prophezeite Weltende.

Als sie sich soweit gefaßt hatte, daß sie unter Schluchzen Satzfragmente rausbringen konnte, hörte ich nur: "Der Osten ... huuuaaa ... deine Tante Gerda ... die Maaaahauhauuuuuuer." Schon wieder diese verdammte Mauer.

Das Telefonat dauerte etwa eine halbe Stunde, von der höchstens fünf Minuten auf halbwegs vollständige und verständliche Sätze entfielen. Irgendwann heulte ich auch, und die Sekretärin nickte nur wortlos, als ich darum bat, vom Unterricht befreit zu werden. Ich heulte, weil die Vorhersagen meiner Eltern und Großeltern, die immer unerschütterlich an ein Ende der Trennung geglaubt hatten, endlich wahr wurden. Und ich weinte bitterlich, weil ich allein im fernen Kansas saß, während der Rest der Familie geschichtsträchtige Wiedersehensfeste zelebrierte.

Den Rest des Tages verbrachte ich abwechselnd am Telefon und vor dem Fernseher – was wegen der potentiell unmoralischen Inhalte ohne Aufsicht eines Erwachsenen eigentlich streng verboten war. Aber hey, wenn Menschen mit Spitzhacken an der Mauer kratzen konnten, würde mich auch die Mißachtung einiger der gefühlten 1000 Regeln zur Aufrechterhaltung der Moral nicht augenblicklich in die Hölle katapultieren.

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