Ich bin in einer Gegend mit, zumindest für Wattenscheider Verhältnisse, relativ hohem Ausländeranteil aufgewachsen. Zwei Straßen weiter lebten vor allem Türken und ein paar Spätaussiedler, die man aber nicht Ausländer nennen durfte, obwohl sie kein Wort Deutsch sprachen. Die Türken blieben unter sich, die Spätaussiedler heirateten kreuz und quer, bis die Hälfte aller Nachnamen im Ruhrpott auf –ski endete.
Hin und wieder zogen die Ausländer aus der Nachbarschaft auch bei uns auf den Hof, so wie Icim oder Aicha, und mit ihnen natürlich jede Menge fremder Sitten. Ich fand es als Kind also ganz normal, daß manche Frauen aus religiösen Gründen ein Kopftuch trugen und während der Menstruation alles mögliche nicht anfassen durften. In der Jungs-sind-ja-so-doof-Phase fand ich es sogar toll, daß die älteren Mädchen sich von den Jungs fernhielten und reine Frauennachmittage veranstalteten – zu denen ich eingeladen wurde, mein kleiner Bruder aber nicht.
Bei diesen Nachmittagsveranstaltungen wurde die Zurückhaltung mit dem Kopftuch abgelegt. Es gab türkische Musikkassetten mit Texten, die ich nicht verstand, bei deren Übersetzung aber alle haltlos kicherten. Dazu wurden klebrige Süßigkeiten und Bauchtanz serviert. Bei den Süßigkeiten und beim Kichern konnte ich gut mithalten, am Bauchtanz scheiterte mein Kinderballett geschulter Körper kläglich. Lockerheit in den Hüften und schlangenartiges Armgewedel? Dafür hätte mich meine Ballettlehrerin mit dem Taktstock mehrfach durch den Übungssaal gejagt.
Natürlich gab es auch Sachen, die ich selbst als Kind nicht so toll fand. Daß die Brüder von Icim sie nach Belieben herumkommandieren konnten etwa, oder daß Icims Mutter nach 20 Jahren in Deutschland immer noch nicht die Landessprache beherrschte und das Haus nur in Begleitung ihres Mannes verlassen durfte. Das alles widersprach komplett den antiautoritären Grundsätzen, nach denen ich erzogen worden war. Aber man lernt dann, das als Bestandteil der anderen Kultur zu tolerieren.
Toleranz gilt ja unter aufgeklärten Menschen heutzutage als eines der wertvollsten Güter überhaupt. So wertvoll, daß man sie am liebsten unendlich ausdehnen würde, um die komplizierte Grenzziehung zu vermeiden. Ich habe sogar schon Menschen getroffen, die der Ansicht waren, man müsse Klitorisbeschneidungen als wichtigen kulturellen Bestandteil unbedingt tolerieren (daß sie gleichzeitig Schächten für verwerflich hielten, machte die Sache einfacher, aber nicht unbedingt erfreulicher). Öffentliche Diskussionen über Grenzen der Toleranz verlassen meist recht zügig die sachliche Ebene und enden in hitzigen, hochemotionalen Schlachten mit erschütterten Gutmenschen auf beiden Seiten.
Meine Toleranz stieß heute morgen sehr plötzlich an eine Grenze, mit der ich so nicht gerechnet hätte. Zumindest hätte ich keine so heftige Abwehrreaktion erwartet. Ich habe schon als Kind jeden Tag Frauen mit Kopftuch gesehen und finde das ganz normal. Außerdem wird häufig unterschätzt, wie sehr religiöse Kopfbedeckung bis vor wenigen Jahrzehnten auch in unserer Kultur verankert war. Meine Oma wäre nicht ohne Hut in die Kirche gegangen und strenggläubige Baptisten berufen sich heute noch auf den ersten Korintherbrief (11, 3-16), um ihre Frauen mit sonderbaren Häkeldeckchen auf dem Kopf in den Gottesdienst zu schicken.
Aber heute morgen liefen mir zum ersten Mal zwei Frauen in Burkas über den Weg. Die Sichtgitter über ihren Augen wirkten noch undurchdringlicher als ich vermutet hätte. Vorneweg ging ein Mann mit Bart, dessen Alter sich nur schwer schätzen ließ. Etwa anderthalb Meter hinter ihm lief eine kleine, dicke Frau mit einem kleinen Jungen an der Hand. Ihr schleppender Gang ließ sie alt wirken, wahrscheinlich die Mutter des Mannes. Noch mal zwei Meter dahinter dann eine jüngere Frau. Sie schob einen Kinderwagen und trug zwei schwere Plastiktüten.
Ich konnte gar nicht anders als stehenzubleiben und mir die Prozession anzugucken. Und ich konnte mich auch nicht gegen den aufkeimenden Ärger wehren. Zack, vorbei mit der Toleranz, vorbei mit der Gelassenheit des Großstädters. Dieses Bild widersprach so ziemlich allem, was ich für gut und richtig halte. Und es berührte etwas in mir, das meine Identität als Frau ausmacht – so sehr, daß ich es nicht ignorieren konnte. Unerwartet und vielleicht absurd, aber nicht zu verdrängen.
Ich habe mir nie großartig Gedanken über weitergehende Formen der Verschleierung gemacht. Natürlich sind sie furchtbar als Instrument der Unterdrückung wie in Afghanistan unter Talibanherrschaft, das können wir alle auswendig aufsagen. Aber außerhalb solcher Länder? Sind sie da einfach eine kulturelle Sonderform am anderen Ende des Bekleidungsspektrums? Muß man sie da tolerieren, oder kann ich sie fröhlich verdammen und mein Frauenbild als das einzig wahre verkaufen? Gibt es hier Frauen, die so was wirklich freiwillig tragen und nicht bloß, weil sie sich nicht aus ihrem furchtbar starren kulturellen Korsett befreien können? Und wo ist da die Grenze? Ich bin irritiert, erschreckend ahnungslos und heute so gar nicht zu toleranter Weltumarmung aufgelegt.
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