Gestern abend war ich mit meinem Tischherrn von einer der vielen Hochzeiten unterwegs. Wir tranken Rotwein in einem dieser kleinen Läden in St. Pauli, in denen sonst nur Leute leben, die es auf wundersame Weise schaffen, in schmuddeligen Jeans und sorgfältig ungekämmten Haaren cool auszusehen. Wenn ich mal versehentlich so auf die Straße gehe, drücken mir fremde Leute ungebeten Geld in die Hand und lächeln mir aufmunternd zu.
Die Diskussion drehte sich abwechselnd um Islamismus und Sex (ich hab nicht damit angefangen, ich schwör), bis mir die Symmetrie zwischen Blog und Leben unheimlich wurde. Dann stand statt des Rotweins plötzlich Vodka auf dem Tisch und genauso plötzlich wollte eine hübsche junge Frau mit den obligatorisch ungekämmten Haaren den Laden dicht machen. Und irgendwie war ich schließlich ganz entgegen meiner sonst so grundsoliden Lebensweise fürchterlich spät im Bett.
Leider zwang mich der preußisch-protestantische Teil meiner Sozialisation trotz allem pünktlich aufzustehen, erst an den Schreibtisch, dann mit dem Hund an die Alster und schließlich noch zum Sport zu wanken. Zumindest letzteres hätte ich mir sparen sollen, denn Schlafentzug führt bei mir zu leichter Gereiztheit. Um genau zu sein: Fünf LKW-Fahrerinnen mit PMS sind nichts gegen eine übermüdete Lyssa. Am besten läßt man mich an solchen Tagen nicht aus dem Haus gehen.
Ich ging aber natürlich trotzdem raus und dürfte neue Rekorde im semi-berechtigten Beleidigen fremder Menschen aufgestellt haben. An der Alster erklärte ich einem pikierten Herrn, er möge seinem verdammten Köter doch bitte das Geschlechtsteil abklemmen, wenn er nicht in der Lage ist, ihm das Anpinkeln von Menschen abzugewöhnen. Derart aufgewärmt traf ich dann auf eine Gelegenheitssportlerin, die das Trainingsgerät, auf das ich demonstrativ wartete, zum bequemen Klönschnack mit ihrer Freundin nutzte. Ich sah mich gezwungen ihr zu offenbaren, daß bloßes Sitzen auf Sportgeräten leider auch nicht gegen fortgeschrittene Cellulite am Hintern hilft.
Die Rache ereilte mich auf dem Rückweg in Gestalt eines kleinen, blondgelockten Jungen im Kindergartenalter. Mir schwante Übles, als ich ihn dabei beobachtete, wie er ungehindert sein Eis auf diversen Schaufenstern verteilte, während Mutti die Handyrechnung in die Höhe trieb und dabei mehrfach ein so glockenhelles Lachen ausstieß, daß sie wie eine Hyäne auf der Jagd klang.
Beelzebub und ich erreichten die Drehtür des kleinen Einkaufszentrums ungefähr gleichzeitig. Leider ging ich rein und er blieb draußen stehen. Dazu muß man wissen, daß ich mir meine Kleinmädchenangst vor Drehtüren bis heute erhalten habe. Es ist peinlich, aber ich bin mir sehr sicher, daß die Biester nur auf den passenden Moment warten, um mir von hinten in die Ferse zu beißen.
Natürlich weckte der dicke, rote Notstoppknopf neben der Drehtür sofort das Interesse von Beelzebub. Wahrscheinlich wurde er genau aus diesem Grund in Kinderaugenhöhe angebracht. Er ließ also die Eiswaffel fallen, lächelte mir zu (doch, ich bin mir sicher) und drückte mit aller Kraft auf den tollen roten Knopf. Der Knopf tat sofort, was von ihm verlangt wurde und hielt die Drehtür an – mit mir darin, gefangen in einem Glaskäfig.
Mutti telefonierte immer noch munter und der Junge machte große Augen. Ich machte noch größere zurück, allerdings dramatisch verdreht, bleckte dazu die Zähne und simulierte wilde Würgebewegungen am eigenen Hals. Der Junge verstand. Er fing sofort an zu heulen und holte Mutti vom Telefon. Aber ich hatte mich verrechnet, denn anstatt mich zu befreien, kümmerten sich nun diverse Erwachsene um den armen, armen Jungen.
Mutti zog gleich los, um ihm ein neues Eis zu kaufen, schließlich gab es noch ein paar freie Schaufenster zu gestalten. Die anderen schimpften und zeigten mit dem Finger auf mich. Zumindest fühlte es sich im Glaskäfig so an. Vielleicht diskutierten sie auch ganz basisdemokratisch, wie man mich befreien könnte, anstatt einfach den verdammten grünen Knopf oberhalb des roten Notstoppknopfes zu drücken. Auf jeden Fall dauerte es eine gefühlte Ewigkeit, die ich damit zubrachte, den restlichen Sauerstoffgehalt zu berechnen, bis sie endlich auf die Idee mit dem Knopf kamen.
Vermutlich ist der temporäre Sauerstoffmangel schuld daran, daß ich hier sitze und sinnlosen Surftips folge, während meine Nachbarin laut schreiend den fünften Orgasmus hat. Untermalt von Joe Cocker übrigens, also das muß ihr erst mal jemand nachmachen. Aber irgendwie paßt das genau hierzu, denn ich habe einen Hund und meine Nachbarin definitiv irgendeine Art von ziemlich zuverlässigem Sextoy.
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