Samstag nachmittag in einem beliebigen Kaufhaus beim Wochenendeinkauf. Auf dem Programm steht ein Ausflug in die Strumpfabteilung, denn man weiß ja nicht, ob man nach der, von der eigenen Mutter prognostizierten rapiden Gewichtszunahme noch halterlose Strümpfe tragen möchte. Also tut man es lieber jetzt, solange es noch Spaß macht.
In der Strumpfabteilung drücken sich auch drei Teenager rum. Ein blondes, etwa 15jähriges Mädchen, das ein bißchen ratlos, aber dennoch fest entschlossen wirkt. An ihren Rockzipfeln zwei circa 17jährige Jungs mit schlechtem Hautbild, optisch ungünstigem Flaum entlang der Oberlippe und nicht existenter Frisur. Das Mädchen hält einen nagelneuen Strapsgürtel in der Hand, an dem noch das Preisschild von H&M baumelt und sucht offensichtlich nach passenden Strümpfen.
Ihren Begleitern ist die ganze Aktion schrecklich peinlich. In den Gesichtern kommt das komplette rote Farbspektrum zum Einsatz, sie stoßen sich zwischendurch gegenseitig an und kichern verlegen, wenn das Mädchen zögernd nach einer neuen Strumpfvariante greift. Allerdings sehen beide nicht so aus, als würden sie anschließend vom Einkauf profitieren können. Sie wirken eher wie die Jungs, mit denen ich im gleichen Alter meine Zeit verbrachte: Hoffnungslose Geeks, die mit dem anderen Geschlecht höchstens in der Digitalausgabe etwas anfangen können. Der Gegenentwurf zu den Gangsta-Bubis.
Später stellt sich heraus, daß sie ihre Cousins als Berater mitgenommen hat. Der Einkauf selbst gilt ihrem ersten Freund. Sie ist überfordert von der Strumpfvielfalt und wendet sich an eine Verkäuferin. Die ist entweder überfordert oder lustlos, wahrscheinlich aber beides, und drückt ihr ein Paar halterlose Strümpfe in die Hand: „Da, nehmse die da.“ Die beiden Jungs tauchen hinter einem Regal mit Ringelsocken ab.
Eigentlich geht mich das alles ja nichts an, aber natürlich kann ich mal wieder nicht anders, denn mit den Strümpfen, die das Mädchen in der Hand hält, wird sie nicht glücklich werden. Halterlose Strümpfe haben am oberen Abschluß so eine gummierte Schicht, die dafür sorgt, daß die Strümpfe auch wirklich dort bleiben, wo man sie hinzieht. Man kann sie aber, wenn überhaupt, nur unter großen Mühen in diese winzigen Verschlüsse von Strapsgürteln friemeln. Das Ergebnis ist höchst unbefriedigend.
Es gibt aber passende Strümpfe ohne Gummibeschichtung, und genau die drücke ich dem Mädchen nebst kurzer Erläuterung in die Hand. Sie ist sichtlich erleichtert und hat gleich noch ein paar Fragen. Ihre Cousins kehren aus der Welt der Ringelsocken zurück und beäugen mich so interessiert, als sei ich grad einem der Poster entstiegen, die sie vermutlich an der Wand hinter ihren Betten hängen haben. Sie erröten noch ein bißchen mehr, bohren mit den Füßen Löcher in den Boden, schaffen es aber schließlich doch, mir auch ein paar Fragen zu stellen und sich zumindest theoretisch zu kichernden Damenwäsche-Experten weiterzubilden.
Ich fühle mich mal wieder ziemlich alt und ein bißchen wie Dr. Sommer persönlich, finde die ganze Situation aber natürlich höchst vergnüglich. Der größere der beiden Jungs druckst noch ein wenig herum, rückt dann aber doch mit seiner letzten Frage raus: „Woher wissen Sie so was eigentlich alles? Machen Sie das beruflich?“ – „Was denn, Strümpfe verkaufen?“ – „Nein, ähm ... also ... na ja ... ach egal.“ Dabei starrt er verstohlen auf meinen Rock, als erwarte er davon eine Offenbarung.
„Nein, ich schreibe nur gelegentlich mal über solche Sachen. Da muß man sich dann ja auskennen.“ – „Echt jetzt? Schreiben Sie dann auch über uns?“ – „Das kann gut passieren.“ Sehr schnell sogar. This one’s for you, guys. Vielen Dank für das lustige Intermezzo. Und viel Spaß irgendwann bei eurem ersten richtigen Wäschekauf für eine Frau, mit der ihr nicht verwandt seid. Ihr wißt ja jetzt wie’s geht. Theoretisch.
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