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2004-11-30 - 13:37 - Mit Hedwig im Bus

Es sind nicht die ganz offensichtlich Irren, nicht die Männer im Pyjama auf der Straße oder mit Stoffhund auf Gassi-Tour, die mich beunruhigen. Nein, wirklich unheimlich sind die Unscheinbaren, hinter deren heiler Fassade echte Abgründe lauern. Und genau in jene Kategorie fiel die nette junge Frau, die heute gegenüber von mir im Bus Platz nahm und zur Begrüßung freundlich in meine Richtung lächelte.

Na gut, sie sah reichlich bieder aus mit ihrem blonden Zopf, dem großen weißen Spitzenkragen, der unter dem halb geöffneten Mantel hervorlugte und dem Schal aus dem Hause Omi. Genau wie die anständigen Mädchen, die Baptisten gerne nach dem Schulabschluß für zwei Jahre als Missionare in Gebiete mit spirituellem Notstand schicken – also eigentlich überall hin außerhalb des Bible Belts. Aber übertriebene Biederkeit an sich ist ja noch kein Verbrechen, allenfalls ein modisches Vergehen.

Ich wandte meine Aufmerksamkeit daher wieder anderen Fahrgästen mit höherem Skurrilitätspotential zu, bis ich aus den Augenwinkeln bemerkte, wie die Frau ihren praktischen Lederrucksack öffnete und ihre Lektüre hervorzog. Generell sind mir in der Öffentlichkeit Lesende ja erst mal sympathisch, aber das Cover des Buches war verdächtig rot, das Buch eher ein dünnes Heft ... Da war er, der Abgrund.

heimatroman.jpg

Ein Heimatroman aus dem Bastei-Verlag, dem die Welt auch so liebliche Dinge wie die künstlich am Leben gehaltene Frau Courths-Mahler und Dr. Stefan Frank verdankt. Ich hätte nicht mal gedacht, daß diese Heftchen heute noch auf dem freien Markt erhältlich sind, geschweige denn, daß sie in meiner Generation auch noch Leser finden. Dieses Zeug hat nicht mal meine Oma, selbst treue „Frau im Spiegel“-Abonnentin und „Erkennen Sie die Melodie?“-Guckerin, angefaßt.

Und während ich mich gleich noch tiefer in meinen Wintermantel hüllte und dem Unfaßbaren tapfer ins Auge blickte, dachte ich mir: „Ach was, die macht das bestimmt nicht zum Vergnügen. Vermutlich studiert sie Literaturwissenschaft oder Soziologie oder etwas ähnlich Segensreiches, und schreibt eine Arbeit über das Frauenbild im Heimatroman.“ Man darf ja noch hoffen. Aber genau in dem Moment lächelte sie mich ganz verzückt an und blätterte um. Sie sah nicht so aus, als würde die Lektüre sie sonderlich quälen. Notizen machte sie sich auch keine.

„Na gut,“ sagte ich mir dann, „auch deine eigene Literaturgeschichte hat dunkle Flecken. Außerdem hattest du schon Sex mit einem Mann, der eine große Professor Zamorra Heftchensammlung aus demselben Haus im Regal hatte. Also sei nicht immer so verdammt arrogant.“ Aber mein inneres Korrektiv verhallte ungehört. Das Grauen stand mir zu deutlich vor Augen und ließ sich nicht schön reden. Am liebsten hätte ich zum Gegenschlag ausgeholt und irgendein pornographisches Schundblatt von der Sorte, die ich früher Korrektur gelesen habe, aus der Tasche gezogen. Doch ich hatte nur den Spiegel im Angebot, und der berichtete ausnahmsweise mal nicht über die Sexualität der Deutschen mit nackter Frau auf dem Cover.

Mir blieb nur die Flucht aus dem Bus und ein verspannter Nacken wegen fortgesetzten Kopfschüttelns. Und der Gedanke daran, daß heute Einsendeschluß für den PussyProsaPreis ist. Wenn Ihr also nicht wollt, daß ich demnächst einen Wettbewerb für Heimatroman-Leser ausschreibe ... Ihr wißt ja, was zu tun ist.

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