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Blogtalk Reloaded

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2004-12-27 - 18:29 - Haare-Gisela und der Pauli-Weihnachtsbaum

Ich hoffe, Ihr hattet erfreuliche Weihnachtstage, ganz egal ob Ihr nun Traditionalisten oder erbitterte Weihnachtsgegner seid. Mir ist diese ganze Pimping-Diskussion offensichtlich ein wenig zu Kopf gestiegen, denn ich sah mich gezwungen, unseren 4,50 m hohen und dieses Jahr rot geschmückten Weihnachtsbaum mit ein wenig Hamburger Lokalkolorit zu versehen.

PauliXmas.jpg

Die St. Pauli Weihnachtskugel wurde mittäterschaftlich von mir und meinem Bruder in einer Höhe aufgehängt, in der sie nicht zu übersehen war, meine Mutter sie ohne Leiter trotzdem nicht erreichen und wieder abreißen konnte. Uns wurde mehrfach mit Enterbung gedroht, exzellentes Essen und Geschenke gab es aber trotzdem und der Rest des Festes wurde in großer familiärer Eintracht verbracht. Deshalb mußte das Blog auch ein paar Tage ohne die üblichen Bochumer Katastrophenmeldungen auskommen.

Heute morgen konnte ich mich dann endlich wieder meiner Lieblingsbeschäftigung widmen: Ich finde nichts spannender als das Leben von Menschen, die in einem ganz anderen Umfeld zuhause sind, fremden Berufen nachgehen und völlig andere Träume haben als ich. Mein eigenes kleines Leben und mein eigenes soziales Ghetto kenne ich schließlich zur Genüge. Es geht mir dabei nicht um eine Flucht aus meinem Leben, ich mag mein Leben. Es geht auch nicht darum, in eine glamourösere und aufregendere Parallelwelt einzutauchen.

Mich interessiert einfach, wie andere Menschen leben, mit denen ich so gar keine Berührungspunkte habe, auch wenn sie vielleicht in derselben Stadt leben, ganz egal ob das nun die Vorstadtsekretärin, der Alkoholiker am Hauptbahnhof oder der Filmemacher aus dem Nachbarhaus ist. Deshalb habe ich schon als Kind gern gelesen und deshalb finde ich Blogs so spannend (letzteres hat natürlich auch den Vorteil, daß ich mich bei einer Überdosis Mensch bequem wieder ausklinken und dem Teilzeiteremitentum hingeben kann).

Heute morgen gab es schon zum Frühstück eine große Dosis Fremdleben in Form eines alten Schulfreundes, der mittlerweile als Make-up Artist in Paris lebt und gerade den Sprung vom Assistenten eines bekannten Profi-Lipgloss-Aufträgers zur eigenen Karriere geschafft hat. Er lebt in einer Welt, in der die Vogue nicht einfach nur ein Hochglanzmagazin ist, das in Zahnarztpraxen mit hohem Privatpatientenanteil ausliegt, sondern ein enorm wichtiger Meilenstein in der Karriere (mir war bis vor wenigen Stunden nicht mal richtig bewußt, daß der Name der Schminkeuse einer Fotostrecke überhaupt dort aufgeführt wird).

Er wohnt in einem kleinen Appartement mitten in Paris, ist vor allem mit Bookern, Friseuren und Fotografen befreundet, arbeitet bei Modenschauen in Paris oder Mailand, fliegt mal eben für ein Shooting nach LA und beschäftigt sich den ganzen Tag mit Bekleidungs- und Make-up-Fragen. Mit Dingen also, die ich an schlechten Tagen am liebsten ganz umgehen würde und an guten Tagen morgens in 15 Minuten abhandle.

Außerdem sagt er so entzückende Sachen wie: „Hach, erst kürzlich hab ich mich so mit der Haare-Gisela gestritten. Er hat einfach nicht verstanden, was ich mit dem Make-up ausdrücken wollte und hat stur sein Glamour-Ding gemacht. Der hat nicht mal begriffen, worum es bei dem Shooting eigentlich ging. Und das ausgerechnet bei weißen Jeans, die ja sowieso immer recht heikel sind.“

Ich hab eine garantiert falsche Antwort mit heftigem Weihnachtskekskauen vermieden. Schließlich ist mir auch unbegreiflich, warum weiße Jeans an dürren Kleiderständern heikel sein sollen, von einer ganz allgemeinen Geschmacksverirrung mal abgesehen. Ich würde mich in so was nicht mal tot erwischen lassen, denn da könnte auch das beste Make-up nicht vom Hintern ablenken. Vielleicht sollte ich doch seine Einladung annehmen und zu den Schauen im März nach Paris kommen. Klingt nach einer echten Erweiterung meines komplett Booker-freien Horizonts. Ich fürchte nur, ohne eigene Haare-Gisela kann ich mich da nicht blicken lassen.

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